Verständigungspapier

 

Diskussionspapier zum Selbstverständnis des Bündnisses

  Seit einigen Jahren mehren sich verstärkt Eingriffe seitens der Politik in die Handlungsfähigkeit der Sozialen Arbeit. Zuletzt der Versuch, den individuellen Rechtsanspruches der Betroffenen oder der Hilfen zur Erziehung nach SGB VIII in Anspruch Nehmenden abzuschaffen oder auszuhöhlen, wie er im sogenannten „A-Länder-Papier“ der SPD regierten Bundesländer zum Ausdruck kam. Dies war der letzte Anstoß, sich zusammen zu tun und die gegenwärtige Situation der Kinder- und Jugendhilfe und der Sozialen Arbeit zu skandalisieren, zu diskutieren und unsere fachliche Alternative aufzuzeigen.   Wir befinden uns momentan in einer Schere zwischen wachsender sozialer Not in bestimmten Bereichen der Gesellschaft (genannt seien hier u.a. Exklusion von Menschen und Gruppen, Armut, Verunsicherung, Auffälligkeiten und Gewalt, Wohlstands- und andere Verwahrlosung, neue Spaltungen, Zunahme psychischer Erkrankungen, Fremdenfeindlichkeit und problematischer Umgang mit Multiethnizität) und einer massiven Bremsung der Sozialen Arbeit. Diese unterliegt zunehmend fachfremden Direktiven wie formale Kontrolle, betriebliche Wirtschaftlichkeit und numerische Messbarkeit. Die Soziale Arbeit kann deshalb nicht mehr auf die Anforderungen angemessen antworten, die aus derzeitigen Notsituationen heraus entstehen.   Angesichts dieser gravierenden Probleme einer zunehmend neoliberalisierten Welt sehen wir als Profession Soziale Arbeit vieles, was man machen müsste und auch machen könnte. Wir werden aber in unserer professionellen Funktion im Rahmen der herrschenden Politik gebremst. Denn unbeachtet der bestehenden gesellschaftlichen Problemlagen für viele Menschen geht es der offiziellen Politik seit langem vorrangig um Kostensenkung, Kontrolle, Umsteuerung und Privatisierung. Der Sozialen Arbeit und damit auch der Kinder- und Jugendhilfe wird ein neoliberales Menschenbild aufgedrängt: KlientInnen werden nicht als Subjekte begriffen. Ihr Rechtsstatus und Rechtsanspruch werden zunehmend gedehnt, ausgehöhlt oder vernachlässigt.   Die von uns praktizierte dialogorientierte „Verständigungspädagogik“ wird als „Kuschelpädagogik“ disqualifiziert, Menschen werden nach ihrem ökonomischen Nutzen bewertet: 'Schluss mit dem sozialpädagogischen „Gedöns“ bei Leuten, für die es sich sowieso nicht lohnt.' Diesen Versuch, der diametral dem Menschenbild des Grundgesetzes widerspricht, können wir nicht mittragen und werden wir nicht akzeptieren.     Vor diesem Hintergrund hat sich im Interesse der Behauptung und Durchsetzung einer professionellen, qualifizierten, parteilichen und solidarischen Sozialen Arbeit ein offenes Bündnis für Kinder- und Jugendhilfe gegründet, das sich insbesondere für Professionalität und Parteilichkeit in diesem Bereich der Sozialen Arbeit einsetzt.     Wer wir sind   Im bundesweiten, offenen Bündnis Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit versammeln sich u.a.
  • Fachkräfte der Sozialen Arbeit bei freien und öffentlichen Trägern,
  • WissenschaftlerInnen aus Forschung und Lehre und Studierende der Disziplin Soziale Arbeit,
  • VertreterInnen aus den Berufsorganisationen ver.di, GEW, DBSH, DBB und Komba,
  • verschiedene jugendhilfepolitische Initiativen,
  • engagierte Einzelpersonen aus dem Feld der Kinder- und Jugendhilfe bei freien und öffentlichen Trägern,
  • Arbeitskreise kritischer Sozialer Arbeit und
  • regionale und überregionale Foren.
  Wir sind ein bundesweites, offene Bündnis: Willkommen sind bei uns Kolleginnen, Kollegen und Interessierte, die sich kritisch mit Sozialer Arbeit und den Bedingungen auseinandersetzen, unter denen sie geleistet wird.   Wir vertreten die Interessen der Kinder- und Jugendhilfe und verstehen uns als Teil der Sozialen Arbeit. Wir wollen die Einheit der Kinder- und Jugendhilfe und der Sozialen Arbeit stärken und wenden uns deshalb gegen die Vertretung partikulärer Interessen einzelner Arbeitsfelder.     Wofür wir stehen   Unser Bündnis vertritt selbstbewusst Fachlichkeit und fordert verantwortungsvolle Sozialpolitik und angemessene Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit. Damit stellen wir uns gegen Ökonomisierung und Sozialtechnokratie als handlungsleitende Maximen in der Gestaltung des Sozialen.   Hierbei vertreten wir folgende Positionen:  
  • Es gehört zu unseren Aufgabe, den durch die prekäre Entwicklung unserer Gesellschaft hervorgerufen zunehmenden Bedarf zu bearbeiten und ihm akut und präventiv zu begegnen.
Dazu benötigen wir qualitativ und quantitativ angemessene Rahmenbedingungen. So belegen z.B. auch alle bekannten Gewalt- oder auch Medizinstudien: Es wird derzeit nicht zu viel, sondern eher zu wenig Soziale Arbeit und dabei auch nicht ausreichend Hilfe zur Erziehung geleistet.
  • Wir haben als VertreterInnen der professionellen Sozialen Arbeit spezifische fachliche Ansätze, Methoden und Qualitätsstandards. Wir fordern die Anerkennung unserer Fachlichkeit auch durch die politischen Akteure.
Dabei geht es uns mitnichten etwa darum, einfach den Stand der heutigen Kinder- und Jugendhilfe zu erhalten:
  • Diese entspricht nicht unseren fachlichen Vorstellungen, denn sie hat bereits erheblichen Schaden durch den fortschreitenden Prozess der „Neuen Steuerung“ genommen.
  • Zudem müssen auch neue Themen im Rahmen einer zukünftigen Konzeption beachtet werden, wie z. B. die Kooperation der Jugendhilfe mit Kindergarten, Schule und Gesundheitswesen.
Wir stehen für eine erweiterte Perspektive der Kinder- und Jugendhilfe über den Status Quo hinaus. Dabei muss das spezifisch Sozialpädagogische konstituierend sein für eine weiterentwickelte Kinder- und Jugendhilfe.
  • Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit hat die problematischen Entwicklungen der heutigen Hilfen zur Erziehung weitgehend zu vertreten und muss überwunden werden.
Die Ökonomisierung und mit ihr die Verbetriebswirtschaftlichung und Technisierung hat die Praxis der Sozialen Arbeit und hier auch ganz konkret die der Kinder- und Jugendhilfe ihrer fachlichen Grundprinzipien beraubt, von ihren eigentlichen sozialpädagogischen Aufgaben und Zielen entfernt und durch bürokratische Vorgaben verzerrt und thematisch eingeengt. Die Konkurrenz auf dem inszenierten Sozialmarkt, die Umwandlung der freien Träger in Wirtschaftsunternehmen und die entsprechende Art und willkürliche Begrenzung der Finanzierung haben ihr die notwendige Kontinuität und Nachhaltigkeit genommen und schwächen die – unbeachtet dieser Tatsachen ständig zu beweisende – Wirksamkeit der Hilfen zur Erziehung wie auch vieler anderer sozialarbeiterischer Maßnahmen. Soziale Arbeit und ebenso die Hilfen zur Erziehung lassen sich nicht ohne massive inhaltliche Verluste betriebswirtschaftlich fassen. Beispielsweise lehnen wir eine Hilfe zur Erziehung ab, bei der die Ökonomie die Fachlichkeit dominiert. Soziale Arbeit, Bildung und Gesundheitsfürsorge und alle anderen Bereiche der menschlichen Gesellschaft sowie die menschlichen Individuen an sich sind nicht wie Waren und industrielle Produkte zu behandeln. Die Ethik der sozialen Arbeit und die Ideologie des Neoliberalismus sind unvereinbar.
  • Der Sozialen Arbeit und damit auch der Kinder- und Jugendhilfe wurde im Zuge der Ökonomisierung ein neues Menschenbild verordnet, das wir nicht teilen.
Wir treffen heute auf ein funktionalistisches, technisiertes und ökonomisches Menschenbild eines neoliberalen Dogmas, das in krassem Gegensatz zu unserem Menschenbild steht:
  • Selbst Rechtsansprüche werden dem ökonomischen Diktat geopfert.
Wir stehen für diese Rechtsansprüche ohne Wenn und Aber.
  • Heute gilt: Jeder ist seines Glückes Schmied und hat sich sein Versagen selbst zuzuschreiben.
Für uns gilt: Alle Menschen dieser Gesellschaft sind gleich „viel“ wert. Diejenigen, die die wenigsten Ressourcen haben, bedürfen am meisten der gesellschaftlichen Unterstützung.
  • Der Sozialstaat aus mündigen Bürgern wird in eine privatisierende Bürgergesellschaft verwandelt, aus Rechtsansprüchen auf Unterstützung werden Chancen auf barmherzige Leistungen.
Wir meinen: Der Sozialstaat als eine Säule der Demokratie muss wieder hergestellt und ausgebaut werden. Unsere KlientInnen haben Anspruch auf professionelle Hilfen, alle Menschen auf eine menschenwürdige Existenz.
  • Die Subjektorientierung der Sozialen Arbeit wird ständig in Frage gestellt. Menschen werden als ineffektiv abgeschoben, ausgegrenzt, abgewertet oder nur noch verwaltet, weil sie den Ansprüchen einer Leistungsgesellschaft nicht genügen.Es muss in der Kinder- und Jugendhilfe wie in der gesamten Sozialen Arbeit wieder um Selbstbestimmung und Persönlichkeitsentwicklung der KlientInnen gehen. So ist parteiliche Soziale Arbeit zu verstehen.
  • Der gesellschaftliche Wert der Kinder- und Jugendhilfen wie der Sozialen Arbeit ist hoch.
Soziale Arbeit und damit auch Kinder- und Jugendhilfe erbringt Leistungen, die in der Gesellschaft zu mehr Gerechtigkeit führen und soziale Verwerfungen kompensieren. So ist sie für unsere Gesellschaft ebenso wie für die Betroffenen lebensnotwendig. In der gegenwärtigen neoliberalen Gesellschaft hat professionelle Soziale Arbeit jedoch einen geringen Wert:
  • Dies drückt sich u. a. im Ignorieren des zunehmenden Bedarfs der KlientInnen aus.
  • Es zeigt sich außerdem in vielfältigen Formen und Anzeichen von Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse der PraktikerInnen. Die Bezahlung vieler KollegInnen erfolgt willkürlich und grenzt nicht selten an den Bedarfssatz nach Hartz IV. Sie arbeiten unter unsicheren, befristeten Verträgen oder in unfreiwilliger Teilzeit, stehen unter enormem Stress und unter krankmachenden Arbeitsbelastungen. Das werden wir nicht länger akzeptieren. Soziale Arbeit braucht, um ihre Aufgabe im Interesse der Betroffenen wirkungsvoll und nachhaltig ausführen zu können, Rahmenbedingungen, die qualifizierte Arbeit ermöglichen. Dazu gehört, dass die PraktikerInnen unter Bedingungen arbeiten können, die materiell wie strukturell angemessen sind und den Wert ihrer Arbeit widerspiegeln.
 
  • Die Soziale Arbeit muss zu Selbstverständnis und Selbstbewusstsein finden.
    • Prekäre Arbeitsbedingungen, Anpassungsdruck und Diskrepanz zwischen eigenem Anspruch und Umsetzbarkeit führen zu Angst, Resignation und Lähmung. Es ist wichtig, dass die PraktikerInnen aus dem gegenwärtigen Zustand von Angst und Lähmung ausbrechen.
Wir müssen uns der eigenen fachlichen Kompetenzen wieder bewusst werden und ein aktives, starkes, berufspolitisches Selbstverständnis speziell im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe entwickeln.
  • Die Ausbildungsinstitutionen (Hochschulen, Fortbildungseinrichtungen) sind mit dafür verantwortlich, dass werdende Sozialarbeitende über ein begründetes Selbstbewusstsein und ein hohes fachliches Qualitätsniveau verfügen.
Das Studium kann kein Managementstudium sein. Neben gesellschaftswissenschaftlichen Grundlagen sind vor allem ethische, methodische und kommunikative Kompetenzen im Umgang mit Menschen zu vermitteln. Neben dem kritischen Denken sollte vor allem ein Selbstverständnis als PädagogInnen und SozialarbeiterInnen ausgebildet werden. Gleichzeitig ist es erforderlich, die Studierenden auf die problematische und prekäre Situation gut vorzubereiten, die sie in der Praxis vorfinden werden. Konfliktlinien dürfen im Studium nicht tabuisiert oder verharmlost, sondern müssen offen gelegt und bearbeitet, analysiert und reflektiert werden. Dabei sollten auch Wege und Möglichkeiten erprobt werden, wie die eigene Fachlichkeit mit der dazugehörigen Ethik verteidigt werden kann, wie man sich gegebenenfalls zur Wehr setzt und damit eigener Resignation und Anpassung vorbeugt.   Welche Handlungsperspektiven sieht das Bündnis für sich?   Gesprächsangebote an die Politik und die Jugendhilfelandschaft unter Einbeziehung der Betroffenen
  • Das Bündnis bietet den politischen Akteuren das Gespräch über eine Weiterentwicklung der Jugendhilfe an, die den fachlichen und ethischen Grundprinzipien der Sozialen Arbeit und dem humanistischen Grundgedanken unserer Verfassung entspricht.
  • Wir sind bereit, gleichberechtigt am politischen Gestaltungsprozess der Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe teilzunehmen, wenn unsere Argumente und die unserer KlientInnen gehört und die fachlichen Perspektiven in den Vordergrund der Diskussion gestellt werden.
Aktionsformen
  • Wir fordern mehr fachliche Auseinandersetzung vor Ort (z.B. Diskussion mit Jugendämtern, Trägern).
  • Wir formulieren und veröffentlichen Forderungen an die Politik.
  • Wir organisieren und gestalten Proteste, Kundgebungen, Tagungen und Gesprächsrunden.
  • Wir führen Mahnwachen durch.
  • Wir beteiligen uns an Aktionen zur Durchsetzung der angemessenen finanziellen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen für eine fachlich fundierte Jugendhilfe.
Unterstützungsangebote und Bündnisse
  • Wir gehen Bündnisse ein mit Gruppierungen, die ähnliche Ziele verfolgen.
  • Wir bieten kritischen PraktikerInnen und Studierenden solidarische Unterstützung durch Vorträge, durch Teilnahme an Veranstaltungen, durch Beratungen und Begleitung von Aktionen.
  • Wir machen solchen Trägern der Jugendhilfe Gesprächsangebote, die sich der Qualität der Arbeit und nicht den Zielen der Gewinnmaximierung oder der Expansion verpflichtet fühlen.
Wissenschaftlicher Auftrag unseres Bündnisses:
  • Wir bemühen uns um die Entwicklung einer fachlichen und politischen Expertise für eine zukunftsfähige Kinder- und Jugendhilfe und damit auch der Hilfe zur Erziehung.
  • Wir veröffentlichen unsere Erkenntnisse und Positionen in Fachzeitschriften, Internetportalen, bei einschlägigen Verlagen und auch in der Tagespresse.
  • Wir regen Ursachenforschung und Aufklärungsarbeit hinsichtlich der gesellschaftlichen Veränderungen an, die sichere Lebensbedingungen für Kinder, Jugendliche und ihre Familien zunehmend erschweren und wesentlich den hohen Bedarf z. b. bei der Hilfe zur Erziehung verursachen.
Anschub von Reflexionsprozessen und Einmischen in gesellschaftspolitische Diskurse
  • Wir geben Anstöße zur Repolitisierung der Sozialen Arbeit und zum Wiederentdecken von Parteilichkeit und einer eigenständigen sozialarbeiterischen Ethik.
  • Wir regen die Reflexion der theoretischen Grundlagen der Sozialen Arbeit im Hinblick auf ihr Welt- und auf ihr Gesellschaftsbild an – in der Praxis wie an den Hochschulen.
  • Wir betreiben Aufklärung der Öffentlichkeit, der Politik und der Medien, aber auch der eigenen Fachöffentlichkeit, über die veränderten gesellschaftlichen Paradigmen des Wandels zu einem rein marktwirtschaftlich orientierten System, in dem und durch das junge Menschen und ihre Eltern zunehmend in hilfebedürftige Situationen geraten (was u.a. den Anstieg der Hilfen zur Erziehung erklärt).
  • Wir geben Stellungnahmen zu aktuellen Ereignissen und Entscheidungen in der Sozialpolitik ab.
Über diese Analyse, unseren Standpunkt und die sich hieraus ergebenden Forderungen, Strategien und Aktionen möchten wir gerne mit Euch diskutieren.