Grundsätze

Diskussionspapier zum Selbstverständnis des Bündnisses (2012)

  Seit einigen Jahren mehren sich verstärkt Eingriffe seitens der Politik in die Handlungsfähigkeit der Sozialen Arbeit. Zuletzt der Versuch, den individuellen Rechtsanspruches der Betroffenen oder der Hilfen zur Erziehung nach SGB VIII in Anspruch Nehmenden abzuschaffen oder auszuhöhlen, wie er im sogenannten „A-Länder-Papier“ der SPD regierten Bundesländer zum Ausdruck kam. Dies war der letzte Anstoß, sich zusammen zu tun und die gegenwärtige Situation der Kinder- und Jugendhilfe und der Sozialen Arbeit zu skandalisieren, zu diskutieren und unsere fachliche Alternative aufzuzeigen.   Wir befinden uns momentan in einer Schere zwischen wachsender sozialer Not in bestimmten Bereichen der Gesellschaft (genannt seien hier u.a. Exklusion von Menschen und Gruppen, Armut, Verunsicherung, Auffälligkeiten und Gewalt, Wohlstands- und andere Verwahrlosung, neue Spaltungen, Zunahme psychischer Erkrankungen, Fremdenfeindlichkeit und problematischer Umgang mit Multiethnizität) und einer massiven Bremsung der Sozialen Arbeit. Diese unterliegt zunehmend fachfremden Direktiven wie formale Kontrolle, betriebliche Wirtschaftlichkeit und numerische Messbarkeit. Die Soziale Arbeit kann deshalb nicht mehr auf die Anforderungen angemessen antworten, die aus derzeitigen Notsituationen heraus entstehen.   Angesichts dieser gravierenden Probleme einer zunehmend neoliberalisierten Welt sehen wir als Profession Soziale Arbeit vieles, was man machen müsste und auch machen könnte. Wir werden aber in unserer professionellen Funktion im Rahmen der herrschenden Politik gebremst. Denn unbeachtet der bestehenden gesellschaftlichen Problemlagen für viele Menschen geht es der offiziellen Politik seit langem vorrangig um Kostensenkung, Kontrolle, Umsteuerung und Privatisierung. Der Sozialen Arbeit und damit auch der Kinder- und Jugendhilfe wird ein neoliberales Menschenbild aufgedrängt: KlientInnen werden nicht als Subjekte begriffen. Ihr Rechtsstatus und Rechtsanspruch werden zunehmend gedehnt, ausgehöhlt oder vernachlässigt.   Die von uns praktizierte dialogorientierte „Verständigungspädagogik“ wird als „Kuschelpädagogik“ disqualifiziert, Menschen werden nach ihrem ökonomischen Nutzen bewertet: 'Schluss mit dem sozialpädagogischen „Gedöns“ bei Leuten, für die es sich sowieso nicht lohnt.' Diesen Versuch, der diametral dem Menschenbild des Grundgesetzes widerspricht, können wir nicht mittragen und werden wir nicht akzeptieren.     Vor diesem Hintergrund hat sich im Interesse der Behauptung und Durchsetzung einer professionellen, qualifizierten, parteilichen und solidarischen Sozialen Arbeit ein offenes Bündnis für Kinder- und Jugendhilfe gegründet, das sich insbesondere für Professionalität und Parteilichkeit in diesem Bereich der Sozialen Arbeit einsetzt.    

 

Wer wir sind   Im bundesweiten, offenen Bündnis Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit versammeln sich u.a.

  • Fachkräfte der Sozialen Arbeit bei freien und öffentlichen Trägern,
  • WissenschaftlerInnen aus Forschung und Lehre und Studierende der Disziplin Soziale Arbeit,
  • VertreterInnen aus den Berufsorganisationen ver.di, GEW, DBSH, DBB und Komba,
  • verschiedene jugendhilfepolitische Initiativen,
  • engagierte Einzelpersonen aus dem Feld der Kinder- und Jugendhilfe bei freien und öffentlichen Trägern,
  • Arbeitskreise kritischer Sozialer Arbeit und
  • regionale und überregionale Foren.

  Wir sind ein bundesweites, offene Bündnis: Willkommen sind bei uns Kolleginnen, Kollegen und Interessierte, die sich kritisch mit Sozialer Arbeit und den Bedingungen auseinandersetzen, unter denen sie geleistet wird.   Wir vertreten die Interessen der Kinder- und Jugendhilfe und verstehen uns als Teil der Sozialen Arbeit. Wir wollen die Einheit der Kinder- und Jugendhilfe und der Sozialen Arbeit stärken und wenden uns deshalb gegen die Vertretung partikulärer Interessen einzelner Arbeitsfelder.    

 

Wofür wir stehen   Unser Bündnis vertritt selbstbewusst Fachlichkeit und fordert verantwortungsvolle Sozialpolitik und angemessene Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit. Damit stellen wir uns gegen Ökonomisierung und Sozialtechnokratie als handlungsleitende Maximen in der Gestaltung des Sozialen.   Hierbei vertreten wir folgende Positionen:  

  • Es gehört zu unseren Aufgabe, den durch die prekäre Entwicklung unserer Gesellschaft hervorgerufen zunehmenden Bedarf zu bearbeiten und ihm akut und präventiv zu begegnen.

Dazu benötigen wir qualitativ und quantitativ angemessene Rahmenbedingungen. So belegen z.B. auch alle bekannten Gewalt- oder auch Medizinstudien: Es wird derzeit nicht zu viel, sondern eher zu wenig Soziale Arbeit und dabei auch nicht ausreichend Hilfe zur Erziehung geleistet.

  • Wir haben als VertreterInnen der professionellen Sozialen Arbeit spezifische fachliche Ansätze, Methoden und Qualitätsstandards. Wir fordern die Anerkennung unserer Fachlichkeit auch durch die politischen Akteure.

Dabei geht es uns mitnichten etwa darum, einfach den Stand der heutigen Kinder- und Jugendhilfe zu erhalten:

  • Diese entspricht nicht unseren fachlichen Vorstellungen, denn sie hat bereits erheblichen Schaden durch den fortschreitenden Prozess der „Neuen Steuerung“ genommen.
  • Zudem müssen auch neue Themen im Rahmen einer zukünftigen Konzeption beachtet werden, wie z. B. die Kooperation der Jugendhilfe mit Kindergarten, Schule und Gesundheitswesen.

Wir stehen für eine erweiterte Perspektive der Kinder- und Jugendhilfe über den Status Quo hinaus. Dabei muss das spezifisch Sozialpädagogische konstituierend sein für eine weiterentwickelte Kinder- und Jugendhilfe.

  • Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit hat die problematischen Entwicklungen der heutigen Hilfen zur Erziehung weitgehend zu vertreten und muss überwunden werden.

Die Ökonomisierung und mit ihr die Verbetriebswirtschaftlichung und Technisierung hat die Praxis der Sozialen Arbeit und hier auch ganz konkret die der Kinder- und Jugendhilfe ihrer fachlichen Grundprinzipien beraubt, von ihren eigentlichen sozialpädagogischen Aufgaben und Zielen entfernt und durch bürokratische Vorgaben verzerrt und thematisch eingeengt. Die Konkurrenz auf dem inszenierten Sozialmarkt, die Umwandlung der freien Träger in Wirtschaftsunternehmen und die entsprechende Art und willkürliche Begrenzung der Finanzierung haben ihr die notwendige Kontinuität und Nachhaltigkeit genommen und schwächen die – unbeachtet dieser Tatsachen ständig zu beweisende – Wirksamkeit der Hilfen zur Erziehung wie auch vieler anderer sozialarbeiterischer Maßnahmen. Soziale Arbeit und ebenso die Hilfen zur Erziehung lassen sich nicht ohne massive inhaltliche Verluste betriebswirtschaftlich fassen. Beispielsweise lehnen wir eine Hilfe zur Erziehung ab, bei der die Ökonomie die Fachlichkeit dominiert. Soziale Arbeit, Bildung und Gesundheitsfürsorge und alle anderen Bereiche der menschlichen Gesellschaft sowie die menschlichen Individuen an sich sind nicht wie Waren und industrielle Produkte zu behandeln. Die Ethik der sozialen Arbeit und die Ideologie des Neoliberalismus sind unvereinbar.

  • Der Sozialen Arbeit und damit auch der Kinder- und Jugendhilfe wurde im Zuge der Ökonomisierung ein neues Menschenbild verordnet, das wir nicht teilen.

Wir treffen heute auf ein funktionalistisches, technisiertes und ökonomisches Menschenbild eines neoliberalen Dogmas, das in krassem Gegensatz zu unserem Menschenbild steht:

  • Selbst Rechtsansprüche werden dem ökonomischen Diktat geopfert.

Wir stehen für diese Rechtsansprüche ohne Wenn und Aber.

  • Heute gilt: Jeder ist seines Glückes Schmied und hat sich sein Versagen selbst zuzuschreiben.

Für uns gilt: Alle Menschen dieser Gesellschaft sind gleich „viel“ wert. Diejenigen, die die wenigsten Ressourcen haben, bedürfen am meisten der gesellschaftlichen Unterstützung.

  • Der Sozialstaat aus mündigen Bürgern wird in eine privatisierende Bürgergesellschaft verwandelt, aus Rechtsansprüchen auf Unterstützung werden Chancen auf barmherzige Leistungen.

Wir meinen: Der Sozialstaat als eine Säule der Demokratie muss wieder hergestellt und ausgebaut werden. Unsere KlientInnen haben Anspruch auf professionelle Hilfen, alle Menschen auf eine menschenwürdige Existenz.

  • Die Subjektorientierung der Sozialen Arbeit wird ständig in Frage gestellt. Menschen werden als ineffektiv abgeschoben, ausgegrenzt, abgewertet oder nur noch verwaltet, weil sie den Ansprüchen einer Leistungsgesellschaft nicht genügen.Es muss in der Kinder- und Jugendhilfe wie in der gesamten Sozialen Arbeit wieder um Selbstbestimmung und Persönlichkeitsentwicklung der KlientInnen gehen. So ist parteiliche Soziale Arbeit zu verstehen.
  • Der gesellschaftliche Wert der Kinder- und Jugendhilfen wie der Sozialen Arbeit ist hoch.

Soziale Arbeit und damit auch Kinder- und Jugendhilfe erbringt Leistungen, die in der Gesellschaft zu mehr Gerechtigkeit führen und soziale Verwerfungen kompensieren. So ist sie für unsere Gesellschaft ebenso wie für die Betroffenen lebensnotwendig. In der gegenwärtigen neoliberalen Gesellschaft hat professionelle Soziale Arbeit jedoch einen geringen Wert:

  • Dies drückt sich u. a. im Ignorieren des zunehmenden Bedarfs der KlientInnen aus.
  • Es zeigt sich außerdem in vielfältigen Formen und Anzeichen von Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse der PraktikerInnen. Die Bezahlung vieler KollegInnen erfolgt willkürlich und grenzt nicht selten an den Bedarfssatz nach Hartz IV. Sie arbeiten unter unsicheren, befristeten Verträgen oder in unfreiwilliger Teilzeit, stehen unter enormem Stress und unter krankmachenden Arbeitsbelastungen. Das werden wir nicht länger akzeptieren. Soziale Arbeit braucht, um ihre Aufgabe im Interesse der Betroffenen wirkungsvoll und nachhaltig ausführen zu können, Rahmenbedingungen, die qualifizierte Arbeit ermöglichen. Dazu gehört, dass die PraktikerInnen unter Bedingungen arbeiten können, die materiell wie strukturell angemessen sind und den Wert ihrer Arbeit widerspiegeln.

 

  • Die Soziale Arbeit muss zu Selbstverständnis und Selbstbewusstsein finden.
    • Prekäre Arbeitsbedingungen, Anpassungsdruck und Diskrepanz zwischen eigenem Anspruch und Umsetzbarkeit führen zu Angst, Resignation und Lähmung. Es ist wichtig, dass die PraktikerInnen aus dem gegenwärtigen Zustand von Angst und Lähmung ausbrechen.

Wir müssen uns der eigenen fachlichen Kompetenzen wieder bewusst werden und ein aktives, starkes, berufspolitisches Selbstverständnis speziell im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe entwickeln.

  • Die Ausbildungsinstitutionen (Hochschulen, Fortbildungseinrichtungen) sind mit dafür verantwortlich, dass werdende Sozialarbeitende über ein begründetes Selbstbewusstsein und ein hohes fachliches Qualitätsniveau verfügen.

Das Studium kann kein Managementstudium sein. Neben gesellschaftswissenschaftlichen Grundlagen sind vor allem ethische, methodische und kommunikative Kompetenzen im Umgang mit Menschen zu vermitteln. Neben dem kritischen Denken sollte vor allem ein Selbstverständnis als PädagogInnen und SozialarbeiterInnen ausgebildet werden. Gleichzeitig ist es erforderlich, die Studierenden auf die problematische und prekäre Situation gut vorzubereiten, die sie in der Praxis vorfinden werden. Konfliktlinien dürfen im Studium nicht tabuisiert oder verharmlost, sondern müssen offen gelegt und bearbeitet, analysiert und reflektiert werden. Dabei sollten auch Wege und Möglichkeiten erprobt werden, wie die eigene Fachlichkeit mit der dazugehörigen Ethik verteidigt werden kann, wie man sich gegebenenfalls zur Wehr setzt und damit eigener Resignation und Anpassung vorbeugt.  

 

Welche Handlungsperspektiven sieht das Bündnis für sich?   Gesprächsangebote an die Politik und die Jugendhilfelandschaft unter Einbeziehung der Betroffenen

  • Das Bündnis bietet den politischen Akteuren das Gespräch über eine Weiterentwicklung der Jugendhilfe an, die den fachlichen und ethischen Grundprinzipien der Sozialen Arbeit und dem humanistischen Grundgedanken unserer Verfassung entspricht.
  • Wir sind bereit, gleichberechtigt am politischen Gestaltungsprozess der Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe teilzunehmen, wenn unsere Argumente und die unserer KlientInnen gehört und die fachlichen Perspektiven in den Vordergrund der Diskussion gestellt werden.

Aktionsformen

  • Wir fordern mehr fachliche Auseinandersetzung vor Ort (z.B. Diskussion mit Jugendämtern, Trägern).
  • Wir formulieren und veröffentlichen Forderungen an die Politik.
  • Wir organisieren und gestalten Proteste, Kundgebungen, Tagungen und Gesprächsrunden.
  • Wir führen Mahnwachen durch.
  • Wir beteiligen uns an Aktionen zur Durchsetzung der angemessenen finanziellen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen für eine fachlich fundierte Jugendhilfe.

Unterstützungsangebote und Bündnisse

  • Wir gehen Bündnisse ein mit Gruppierungen, die ähnliche Ziele verfolgen.
  • Wir bieten kritischen PraktikerInnen und Studierenden solidarische Unterstützung durch Vorträge, durch Teilnahme an Veranstaltungen, durch Beratungen und Begleitung von Aktionen.
  • Wir machen solchen Trägern der Jugendhilfe Gesprächsangebote, die sich der Qualität der Arbeit und nicht den Zielen der Gewinnmaximierung oder der Expansion verpflichtet fühlen.

Wissenschaftlicher Auftrag unseres Bündnisses:

  • Wir bemühen uns um die Entwicklung einer fachlichen und politischen Expertise für eine zukunftsfähige Kinder- und Jugendhilfe und damit auch der Hilfe zur Erziehung.
  • Wir veröffentlichen unsere Erkenntnisse und Positionen in Fachzeitschriften, Internetportalen, bei einschlägigen Verlagen und auch in der Tagespresse.
  • Wir regen Ursachenforschung und Aufklärungsarbeit hinsichtlich der gesellschaftlichen Veränderungen an, die sichere Lebensbedingungen für Kinder, Jugendliche und ihre Familien zunehmend erschweren und wesentlich den hohen Bedarf z. b. bei der Hilfe zur Erziehung verursachen.

Anschub von Reflexionsprozessen und Einmischen in gesellschaftspolitische Diskurse

  • Wir geben Anstöße zur Repolitisierung der Sozialen Arbeit und zum Wiederentdecken von Parteilichkeit und einer eigenständigen sozialarbeiterischen Ethik.
  • Wir regen die Reflexion der theoretischen Grundlagen der Sozialen Arbeit im Hinblick auf ihr Welt- und auf ihr Gesellschaftsbild an – in der Praxis wie an den Hochschulen.
  • Wir betreiben Aufklärung der Öffentlichkeit, der Politik und der Medien, aber auch der eigenen Fachöffentlichkeit, über die veränderten gesellschaftlichen Paradigmen des Wandels zu einem rein marktwirtschaftlich orientierten System, in dem und durch das junge Menschen und ihre Eltern zunehmend in hilfebedürftige Situationen geraten (was u.a. den Anstieg der Hilfen zur Erziehung erklärt).
  • Wir geben Stellungnahmen zu aktuellen Ereignissen und Entscheidungen in der Sozialpolitik ab.

Über diese Analyse, unseren Standpunkt und die sich hieraus ergebenden Forderungen, Strategien und Aktionen möchten wir gerne mit Euch diskutieren.

......

 

Veränderungsbedarf der Kinder- und Jugendhilfe aus Sicht der kritischen Profession

(2015)

(Ausschnitt aus dem Buch „Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung. Plädoyer für eine umstrittene Konzeption der Kinder- und Jugendhilfe in Zeiten der Nützlichkeitsideologie“; M. Seithe und M. Heintz, Mitglieder des Bündnisses Kinder- und Jugendhilfe – für Profession und Parteilichkeit)

 

Insgesamt gesehen bleibt es dabei, dass die gegenwärtige Soziale Arbeit und hier die ambulanten Hilfen zur Erziehung mit Bedingungen fertig werden müssen, die sie in der Arbeit stark hemmen und beeinträchtigen. Dies ist so seit der „Neuen Steuerung“ der 90er Jahre. Es bestehe deshalb auch aus fachlicher und kritischer Sicht, so z.B. Otto und Ziegler ironisch (2012), ein konkreter Bedarf an einer konsequenten Umsteuerung der derzeitigen Kinder- und Jugendhilfe. Die geplante Reform der Politik gehe aber nicht in die gleiche Richtung, wie die Erneuerungsabsichten der kritischen Profession. Vielmehr werde es nach all dem, was offiziell verbreitet wird, mehr geben von dem, auf das fachliche Soziale Arbeit gerne verzichten würde. Es könne im Rahmen dieser eigenen Erneuerungsabsichten der Profession nicht um kleine „Reförmchen“ und Zugeständnisse gehen. Stattdessen seien die Grundfehler anzugehen. Nach Otto und Ziegler (2012) ist die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit einer der entscheidenden Grundfehler. Als zweiten Grundfehler sehen die Autoren das neoliberale und neo-konservative Menschenbild. Deshalb müsste eine aus fachlicher Sicht anzustrebende „Umsteuerung“ in aller Konsequenz perspektivisch folgende Punkte forcieren: Zum ersten den (Wieder)-Ausstieg der Kinder- und Jugendhilfe aus der Ökonomisierung und zum zweiten die Verabschiedung der Sozialen Arbeit vom neoliberalen Menschenbild und seinen Folgen.

Veränderungsbedarf der Kinder- und Jugendhilfe allgemein

Was im Rahmen dieser anzustrebenden Umsteuerung gebraucht würde, so Otto und Ziegler (2012) wäre eine Veränderung hin zu mehr Fachlichkeit und zu den ethischen Werten der Sozialen Arbeit. Dabei gehe es nicht um die Forderung nach einem neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz. Das „alte Gesetz“ sei wahrhaftig noch gut genug und sehr viel besser als das, was derzeit aus ihm gemacht würde. Sicherlich gäbe es zwar auch im KJHG Aus­besserungen und Mängel zu beheben, wie die bestehende Elternlastigkeit, die Distanz zu Bildungs- und vor allem auch zum Gesundheitssystem, das fehlende Eingehen auf neue „moderne“ Themen, die im bisherigen KJHG noch keine Entsprechung gefunden haben. Ansonsten aber gälte es, den Geist des KJHG zu stärken und konsequent weiter zu entwickeln, auch auf Bereiche und Themen, die bisher davon nicht oder nur marginal berührt waren.

Auch wir sind der Meinung, dass in den Hilfen zur Erziehung selbst und in der Kinder- und Jugendhilfe insgesamt so Einiges dringend zu reformieren wäre. Betrachtet man z.B. das Ausgangskonzept der ambulanten Hilfen zur Erziehung einerseits und die heutige Wirklichkeit der ambulanten Hilfen zur Erziehung andererseits, dann ergibt sich aus fachlicher Sicht ein erheblicher Erneuerungsbedarf. Thiersch spricht von einem „Dilemma der Sozialen Arbeit“ (Thiersch 2012), das darin bestünde, dass sie selbst als Pro­fession dringend Zeit und Kraft bräuchte, um ihre eigenen Konzepte und Grundlagen neu zu durchdenken und neu zu beleben, dass sie aber daran gehindert würde durch die dringende Notwendigkeit, sich stattdessen gegen die „Erneuerungszumutungen“ der neoliberalen Sozialpolitik und ihren Auswirkungen auf die gegenwärtige Soziale Arbeit zu wehren.

So formuliert Nodes (2012): Es muss „neben der Rücknahme von Kürzungen und einer besseren Finanzierung der Kommunen darum gehen, Soziale Arbeit als Arbeit mit und in Beziehungen zu Menschen zu verteidigen. Wir müssen verdeutlichen, dass sich die Situation unserer Klientel nicht mit der Ausstellung von Rezepten (à la 10 Sitzungen ‚Sozialgymnastik‘) verbessern lässt, sondern es einer Beziehungsarbeit mit festen Ansprechpartnern bedarf, die vermittelnd, begleitend, weitere Hilfen anbietend, usw. tätig werden (…) Die Steuerung der Jugendhilfe muss dialogisch erfolgen, die Sozialarbeitenden benötigen dafür mehr Steuerungskompetenz (und nicht weniger) in einem Umfeld von Hilfeanbietern, deren Arbeitsbeziehung nicht durch ökonomische Konkurrenz geprägt ist. Maßstab muss wieder die Parteinahme für die Rechte von Kindern und Jugendlichen werden. Es geht also um nichts weniger als um die Vitalisierung von Fachlichkeit“ (Nodes 2012).

Angemessene Ziele einer Weiterentwicklungsdiskussion

Andererseits kann sich eine solche fachliche Reform nicht allein und isoliert um die (ambulanten) Hilfen zur Erziehung und der Kinder- und Jugendhilfeleistungen kümmern. Wir sehen zunächst eine Verbesserung der Lebenslagen der Minderjährigen in unserer Gesellschaft als unabdingbar notwendig an. Wie weit diese Aufgabe als sozialpolitische Aufgabe zu gelten hat, wie weit sie durch eine Realisierung der Aufgabenzuschreibung durch das KJHG gelingen kann, kann an dieser Stelle nicht diskutiert werden (vgl. aber Kap. 5.3.2).

Als angemessene politische Ziele einer Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe insgesamt wäre aus unserer Sicht Folgendes erforderlich:

Verbesserung der Lebensbedingungen nach § 1, Abs. 3 Pt. 4 KJHG und Revitalisierung der Leistungen der KJH insgesamt

Zum einen muss der Auftrag nach § 1 Abs. 4 Pt. 3 KJHG ernstgenommen und umgesetzt werden, der die Kinder- und Jugendhilfe dazu auffordert, Einfluss auf die bestehenden Lebensbedingungen von Minderjährigen zu nehmen. Zur Umsetzung dieses grundlegenden Auftrags der Kinder- und Jugendhilfe gehören z.B. eine bessere Kooperation zwischen den Sozialisationsagenturen Jugendhilfe und Schule sowie dem Gesundheitsbereich und der (Wieder)-Aufbau von Jugend- und Kinderarbeit im Stadtteil. Die Verbesserung und Erweiterung der materiellen und sozialen Infrastruktur in den Wohngebieten gehören ebenfalls dazu. Das alles sind jedoch sozialpolitische Maßnahmen, die die Hilfen zur Erziehung nach § 27 KJHG nur indirekt betreffen – wobei sie natürlich für gelingende Hilfe zur Erziehung notwendig sind (vgl. Kap. 9.8.3). Sie sind mit Blick auf die Hilfen zur Erziehung wichtige Präventionsfaktoren und dürften, sollte es gelingen, sie wirklich auszubauen, durchaus die eine oder andere Verfestigung von Problemen verhindern, so dass in bestimmten konkreten Fällen Hilfe zur Erziehung dann möglicherweise nicht mehr erforderlich ist.

Diese dringend erforderlichen Maßnahmen im Vorfeld könnten vor allem auch dazu beitragen, dass Hilfe zur Erziehung nicht länger inflationär genutzt wird und entgegen ihren fachlichen Erfordernissen verformt, verflacht, verwässert und somit wirkungslos gemacht wird. Sie stellen für die Hilfen zur Erziehung außerdem wichtige Kooperationsfelder dar.

Andererseits muss unbedingt beachtet werden, dass z.B. die Aufgabe der Jugendarbeit sich nicht auf eine Funktion im Vorfeld der Hilfe zur Erziehung beschränkt oder darauf reduziert werden darf. Sie ist eine Leistung der Kinder- und Jugendhilfe, die einen eigenen und sehr wichtigen Auftrag zu erfüllen hat, der sich auf das Wohl aller Kinder- und Jugendlichen bezieht. Es wäre eine unzulässige Verkürzung der Kinder- und Jugendhilfe, wenn alle Leistungen nur noch als möglich Verhinderungsfaktoren in Bezug auf Hilfe zur Erziehung gesehen würden.

Wiederbelebung und Absicherung der sozialpädagogischen Arbeit des
Allgemeinen Sozialdienstes

Des Weiteren wäre dringend eine bessere Ausstattung der Mitarbeiterteams der Allgemeinen Sozialen Dienste erforderlich sowie die Schaffung von organisatorischen wie fachlichen Rahmenbedingungen, die es den MitarbeiterInnen ermöglichen, ihre Aufgabe wieder sozialpädagogisch zu verstehen und entsprechend umzusetzen. Hierzu sind erweiterte Zeitkontingente, die deutliche Reduzierung der Dokumentationspflichten, die Vorrangigkeit persönlicher Kontakte mit der Klientel vor der digitalen Bearbeitung und grundsätzlich der Vorrang fachlicher Entscheidungen vor Kostendiktaten und Effizienzzwängen abzusichern.

Mit Blick auf die Hilfen zur Erziehung würden diese Veränderungen dazu beitragen, dass eine umfassende Diagnose vor Beginn der Hilfe erarbeitet wird und ein sehr viel genaueres Bedarfsbild vorliegt. Der Allgemeine Soziale Dienst würde selbst Beratungen und auch längerfristige Betreuung von Familien und Einzelpersonen übernehmen und somit seinerseits verhindern, dass Hilfen zur Erziehung in Fällen angewandt wird, in denen sie (noch) nicht erforderlich sind. Das würde das Profil der ambulanten Hilfen schärfen und es ermöglichen, sie wirklich dort einzusetzen, wo sie entsprechend ihrer Alleinstellungsmerkmale gebraucht werden.

Reformbedarf der ambulanten Hilfen zur Erziehung

Die Hilfen zur Erziehung und insbesondere die ambulanten Hilfen zur Erziehung aber haben selbst einen großen Reformbedarf. Sie müssen hinsichtlich ihrer erforderlichen Zeitkontingente auf der Basis fachlicher Erkenntnisse neu bewertet werden. Sie sollten fachlich verbindlich als hochqualifizierte sozialpädagogische Arbeit definiert und entsprechend mit den erforderlichen personellen Ressourcen ausgestattet werden. Beziehungsarbeit und Beratung, die direkte Nähe zur Lebenswelt und der Bedarf an hinreichender Zeiten für Reflexionsarbeit müssen akzeptiert und organisatorisch untersetzt werden.

Die in diesem Arbeitsfeld massenhaft verbreiteten, prekären Arbeitsverträge und Arbeitsbedingungen sind von politischer Seite her zu unterbinden. Sie konterkarieren die anspruchsvolle Aufgabe der ambulanten Hilfen zur Erziehung und vergeuden mit ihren negativen Einflüssen auf die Qualität der Hilfen öffentliche Gelder. Ebenso muss die Arbeit durch angemessene tarifliche Bezahlung gesichert und stabil gehalten werden, die zumindest dem Einkommen der SozialarbeiterInnen im öffentlichen Dienst entspricht.

Das aber bedeutet: Die ambulante Hilfe bedarf einer verstärkten Beachtung und Berücksichtigung durch die Politik. Sie muss als besonderes Angebot mit individuellem Rechtsanspruch und spezifischeren Gestaltungs­­­an­sprüchen inhaltlich zur Kenntnis genommen und verantwortungsvoll diskutiert werden. Es ist zu vermuten, dass für die Wiederherstellung einer angemessenen ambulanten Hilfe zu Erziehung mehr Ressourcen brauchen wird. Die erforderlichen Gelder könnten sicher zu einem Teil durch den Wegfall der inflationären Nutzung der ambulanten Hilfen als Minihilfen oder Kontrollaufträge ausgeglichen werden. Das aber wird wohl nicht reichen, weil der fachliche, dem Gesetz entsprechende (Wieder)Aufbau nachhaltig wirksamer und fachlich angemessener Hilfen nicht zum Nulltarif zu haben sein wird und außerdem – wie von allen Seiten bestätigt – die teils erheblichen Problemlagen von Minderjährigen und jungen Erwachsenen in unserer Gesellschaft in nächster Zeit nicht weniger und nicht weniger massiv werden dürften, sondern eher zunehmen werden.