Vortrag

Fachpolitische Positionierung und Einmischung als Teil von Professionalitätder Sozialen Arbeit, am Beispiel des ASD/KSD.“

Ein Vortrag von Silvia Staub-Bernasconi, Bundeskongress Soziale Arbeit vom 13.-16. September 2012, 11.30-13.00 h, Hamburg

Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst/Kommunaler Sozialer Dienst (BAG ASD/KSD) in Kooperation mit der Fachhochschule Kiel

Eine notwendige Vorbemerkung: Ursprünglich hatte ich im Sinn, in meinem Referat die für die Soziale Arbeit und Sozialpolitik zentralen Begriffe „Bedarf“ und Bedürfnis“, die theoretisch wie politisch dauernd vermischt und verwechselt werden, anhand von Interviews, theoretischen Konzepten und Forschungsergebnissen zu klären. Als Mitglied des Bündnisses „Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit“ verfolge ich aber seit einiger Zeit auch die Geschehnisse rund um die Neue Steuerung der Sozialen Arbeit in Hamburg. Es ist nicht unrealistisch anzunehmen, dass das Modell für viele Bundesländer oder gar die Bundesrepublik zum nachahmenswerten Vorbild wird. Je länger je mehr schien mir mein ursprüngliches Thema angesichts des Kongressortes und –themas zu allgemein und deshalb unpassend. Allerdings werde ich nicht detaillier auf die Hamburger Debatte eingehen; dazu gibt es berufenere, am Kongress vortragende KollegInnen. Es geht dabei nicht um eine Aussen-, sondern Innensicht der Probleme, nämlich: das Thema der bis heute nicht klaren Professionalisierung der Sozialen Arbeit in Deutschland und den zwei weiteren deutschsprachigen Ländern. Dabei ist es gerade bei diesem Thema nicht so klar, wen man für die aktuelle, meines Erachtens höchst unbefriedigende fachpolitische Situation haftbar machen kann und wer sich wo einmischen müsste. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um die Frage, was der Beitrag des ASD/KSD zu diesen Themen sein könnte. Dazu erhoffe ich mir vom Podiumsgespräch einige Klärungen.   Neoliberalismus-Bashing ist seit langem geradezu zur Pflicht für Fachbeiträge und Praxisklagen, aber auch Seminar- und Masterarbeiten geworden. Auch ich habe mich daran beteiligt (Staub-Bernasconi 2005). Ich wähle heute aber einen anderen Zugang. Denn ich musste feststellen, dass diese Kritik in der Praxis vielfach folgendes bewirkt: zum einen der Bezug auf ein willkommenes Feindbild, das einigend wirkt und einem die Gewissheit gibt, genau zu wissen wo der Bösewicht und Spielverderber „hockt“, nämlich ausserhalb der Sozialen Arbeit; zum andern einerelativ folgenlose Empörung, begleitet von resignativer „forcierter, das heisst erzwungener Einwilligung“ (Festinger, in: Ortelli 2012) bis hin zum Untertauchen im Bad der untätigen Ohnmacht. M.a.W. soll – gewiss etwas provokant - gefragt werden, was die AkteurInnen der Sozialen Arbeit selber zur aktuell beklagten Situation beigetragen haben und beitragen. Dabei möchte ich es allerdings nicht belassen, sondern werde – wie es im Titel heisst – nach der fachpolitischen Positionierung und geforderten möglichen Einmischung fragen – dies bezugnehmend auf den Titel eines Beitrags von Peter Sommerfeld, der lautet: „ Die Zukunft der Sozialen Arbeit hängt von ihr selber ab“!  
  1. Einige Mythen, welche die Soziale Arbeit lähmen, sich fachpolitisch zu positionieren und einzumischen
Dabei skizziere ich zuerst drei Mythen, die sowohl von der Fachwelt als auch den PraktikerInnen übernommen und verbreitet wurden. Als Mythos bezeichne ich eine Vorstellung, die grosse suggestive Kraft besitzt, aber keine reale, empirische Basis hat. Damit meine ich erstens den Finanzknappheits- und Sparmythos, zweitens den Befreiungsmythos, der mehr Freiheit von organisationellen Vorgaben und Kontrolle versprach, und drittens den Mythos der Sozialen Arbeit als Dienstleistungsprofession. Alle drei lähmen die Soziale Arbeit, sich fachpolitisch zu positionieren und gesellschaftlich einzumischen. (1) Der Finanzknappheits- und Sparzwangmythos lautet: Der Sozialstaat ist aufgrund der heutigen (welt)wirtschaftlichen Situation nicht mehr finanzier-, geschweige denn ausbaubar. Dies ist das Mantra aller Politiker jedwelcher Couleur, aber auch von Wirtschaftsprofessoren, Wirtschaftsführern, Trägern und Vorgesetzten sozialer Einrichtungen, Sozialpolitikern und Theoretikern der Sozialen Arbeit: Niemand, auch kein Politiker hat den Mut öffentlich zu sagen, sofern er darüber überhaupt informiert ist, dass es sich um eine künstlich erzeugte, politisch gewollte Knappheit handelt. Sie entstand aufgrund nationaler, verfassungsmässig und demokratisch abgesegneter Regeln der Eigentums- und Handelsfreiheit sowie weltweit durch ein paralleles Wirtschaftsrecht - die Lex Mercatoria - der Bretton Woods Organisationen (das heisst der WTO, IWF, BIZZ sowie der OECD und EU u.a.), das keiner, direkten demokratischen Legitimation unterliegt. Eine Studie, über die stern-online informierte, belegt es von Neuem, fand aber kaum Eingang in die Tagesschauen und weiteren Medien (sie erhielt überdies erstaunlicherweise bis etwa Mitte August nur etwa 450 Einträge). Es handelt sich um eine Studie des ‚Tax Justice Network’ in Grossbritannien – einer internationalen Vereinigung, die sich für Steuergerechtigkeit einsetzt. Sie hat ergeben, „dass die Reichen dieser Weltgesellschaft mindestens 21 Billionen Dollar (eine Zahl mit 12 Nullen) oder umgerechnet 17 Billionen Euro weltweit in Steueroasen versteckt haben, um dem Fiskus zu entgehen. Die Studie wurde von James Henry, einem ehemaligen Chefvolkswirt der Unternehmensberatung McKinsey, geleitet. Sie stützt sich auf Daten der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds, der Vereinten Nationen, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sowie von Zentralbanken und Finanzministerien einzelner Länder. Die Summe entspricht dem Bruttoinlandprodukt der USA und Japans zusammen genommen. Nach Schätzungen könnten die Reichen sogar bis zu 32 Billionen Dollar versteckt haben. Selbst dabei handle es sich noch um eine ‚konservative Zahl’, in der Häuser, Jachten oder andere Vermögenswerte noch gar nicht eingerechnet seien. Den Angaben zufolge entgehen den Staaten durch die versteckten Gelder jährliche Steuereinnahmen zwischen 190 und 280 Milliarden Dollar. James Henry sprach von einem ‚grossen schwarzen Loch in der Weltwirtschaft’. Das gigantische Vermögen verteilt sich nach seinen Ausführungen auf weniger als 20 Millionen Menschen, bezogen auf eine Weltbevölkerung von rund 7 Milliarden. (Mit dieser Summe wäre die Bewältigung der Eurokrise ein Klacks) (stern.de online vom 23.7.2012) Wer zu diesen makrogesellschaftlichen Befunden ein Buch mit eindrücklichen Belegen und den damit verbundenen Folgen für soziale Probleme in den reichen Industrieländern lesen will, sei auf Richard Wilkinsons und Kate Picketts Buch über xxx verwiesen. Politisch produziert ist diese Finanzknappheit des Staates, weil in den genannten Bretton Woods Organisationen (WB, IWF, BIZZ usw.) nationale Politiker der reichen Länder sitzen und mit ihrem Stimmenanteil die finanzielle Aushungerung der Nationalstaaten – auch gegen die armen Länder des globalen Südens – ermöglicht haben und aktiv unterstützen. Dabei entwickelte sich eine weltumspannende Parallelgesellschaft der Wirtschafts- und Finanzoligarchie, die sich ihre eigenen Wirtschaftsgesetze – eben eine lex mercatoria (Fischer xxx) - eigene Schiedsgerichte, Schlichtungsverfahren usw. – unterstützt durch die Orakel der Rating-Agenturen - gegeben hat. Dabei kann sie bei Begründungsnot jederzeit auf nationale, verfassungsmässig und mithin demokratisch zustande gekommene, rechtsstaatliche Garantien der Eigentums- und Handelsfreiheit zurückgreifen. So erlaubt die Eigentumsfreiheit die innerfamiliäre Vererbung von riesigen Vermögen – also ein Fördern ohne jede Forderung und Leistung, sondern aufgrund biologischer Abstammungskriterien, was man als neofeudal bis hin zu „kastenähnlich“ bezeichnen muss. Anstatt nur ebenso mantramässig die sogenannte, sich öffnende „Schere zwischen Arm und Reich“ zu bemühen, denke ich, dass wir bei allen Diskussionen zur sogenannt „Finanznot“ des Staates diese Sachverhalte nicht nur im Auge behalten, sondern beginnen müssen, sie zu thematisieren, also laut zu sagen, was ist. (2) Der Befreiungsmythos: Er definiert Soziale Arbeit als „personbezogene Dienstleistung“ – unterstützt durch die Vorstellung der Kundenorientierung; dabei befreie die Dienstleistungsvorstellung nicht nur die (Wohlfahrts)Märkte aus (wohlfahrts)staatlicher Überregulierung, sondern auch die Klientel und PraktikerInnen von staatlich-bürokratischer Vorherrschaft und Verrechtlichung Es war offensichtlich das Versprechen nach mehr Freiheit, u.a. durch die Einsparung von bürokratischen Führungs- und Kontrollebenen – verbunden mit mehr Budgetautonomie (Globalbudgets) und Flexibilität - das die, teilweise skeptische Akzeptanz der Neuen, neoliberalen Steuerungsmodelle in der ersten Phase ihrer Einführung bei den SozialarbeiterInnen möglich machte. Es ist nur zu verständlich, dass Menschen, die im starren Gehäuse von Sozialbürokratien arbeiten oder Bittsteller sind, nicht nur die damit verbundene Befriedigung von Sicherheits-, Orientierungs- und Schutzbedürfnissen erfahren. Menschen haben auch Bedürfnisse nach Freiheit, Entscheidungsautonomie, Partizipation und Kontrolle über das, was ihren Lebens- und Arbeitsbereich betrifft. Auch erfolgreiche Politiker „arbeiten“ mit den Bedürfnissen nach Sicherheit und Schutz einerseits und Freiheit anderseits, um Wahlen zu gewinnen. Und genau das war die Hoffnung vieler SozialarbeiterInnen – nämlich nach mehr (Handlungs-)Freiheit und einer positiven Neudefinition sozialarbeiterischer Interventionen durch den Dienstleistungsbegriff . Und diese Hoffnung führte dazu, dass die Vorsilbe „neo“ und die damit für die Soziale Arbeit verbundene Risiken nicht ernst genug analysiert und durchschaut wurden. Aber nicht nur viele PraktikerInnen, sondern – was heute vielfach vergessen/unterschlagen wird - auch Theoretiker der Sozialen Arbeit begrüssten die neoliberale Wende: Plötzlich machte der Begriff der „personbezogenen Dienstleistung“ die Runde, verbunden mit der Hoffnung, dass sich nicht nur die bürokratischen Verwaltungsstrukturen, sondern parallel dazu die obrigkeitlichen Strukturen zwischen Sozialarbeitenden und ihrer Klientel demokratisieren würden. Dazu ein paar zusammenfassende Textausschnitte:Die Dienstleistungsorientierung ermöglicht die Überwindung der Vorherrschaft der Organisation, mehr Bürgernähe, Kundenorientierung und Selbsthilfe. Sie ermöglicht zudem eine „wohlfahrtsökologische“ Soziale Arbeit, die sich in Richtung sozialer Problembewältigung orientiert und das Angebot an sozialen Dienstleistungen plant, entwickelt, koordiniert und entsprechende Angebote an sozialen Institutionen und Arbeitsformen entwickelt“. „Eine entwickelte Dienstleistungskompetenz“ besteht in der Entwicklung „einer innovativen, disziplinären Identität, die Erweiterung der Profession um methodisches Handeln als ‚strategisch-funktionale Kompetenz(en)’, (die auf ) die ihm zugrundeliegenden verwaltungsrationalen Voraussetzungen bezogen wird“. (Otto 1991: 188) Desgleichen las man mit Staunen, dass sich der marktbezogene Kundenbegriff aus der philosophisch-phänomenologischen Theorietradition der „Lebensweltorientierung“ (Thiersch 1986), aus der der Bildungstheorie stammenden Subjektorientierung (Sünker 1989) sowie aus der marxistischen Tradition der Reproduktionsorientierung (Schaarschuch) herleiten lässt. Kundenorientierung verheisse eine neue Qualität des Verhältnisses von Professionellen und Klienten, ‚die sich in einem egalitären, respektvollen Verhältnis der SozialarbeiterInnen zu ihren Adressaten ausdrückt. Sie nehme „die subjektiven Präferenzen der Klienten ernst“, anstatt diese paternalistisch zu überformen, was „nicht zuletzt eine Gleichwertigkeit mit dem privaten Sektor, also ein Bewusstsein der eigenen Modernität signalisiert“. (Schaarschuch/Grunwald ? 2003: 152) Auch diese Autoren erhoff(t)en sich die Symmetrie der Machtverhältnisse zwischen „Nutzern“ als nachfragende Subjekte und produktive Konsumenten sowie Professionellen der Einrichtungen Sozialer Arbeit – offenbar ohne nur einen Gedanken darüber zu verschwenden, wie man sich Machtsymmetrie auf dem ASD und Jugendamt, die über Sozialrechtsansprüche und ihre Kürzungen, oder Inobhutnahmen von Kindern bei Gefährdung, auch gegen den Willen der Eltern) usw. entscheiden, vorstellen kann. Was bei dieser Dienstleistungs-Euphorie seitens der Praxis wie der Theoretiker Sozialer Arbeit zunächst nicht durchschaut wurde, ist folgendes:
  • Erstens: Der Neoliberalismus ist keine Wiederkunft des philosophischen Liberalismus der Aufklärung, der zu den ersten Menschenrechtserklärungen geführt hat - die Magna Charta von 1215 in den USA und vor allem die Französische Menschenrechtserklärung von 1789 in Frankreich – dies über eine riesige, über 200jährige Blutspur von gescheiterten Befreiungsversuchen hin zu gesellschaftlichen Demokratieformen, die sich von den absolutistischen Herrschaftsansprüchen von Kirche und Adel befreien konnten. Mit seinem Begriffsarsenal von Kundenorientierung, Produkten, Outputorientierung, Vertragsmanagement, Qualitätsmanagement, Kennzahlen, standardisiertem Berichtswesen, Effizienz als Taylorisierung und Manualisierung der Arbeitsprozesse, usw. – dies völlig an den Menschen vorbei - eine völlig pervertierte betriebswirtschaftliche Schrumpfform der grossen, gesellschaftsbezogenen Freiheitsideen, die zumindet zu Beginn alle Menschen einbezog. Und genau diese Schrumpfform profitiert von der verfassungsrechtlich garantierten Eigentums- und Handelsfreiheit. Das Skurrile dabei ist, dass er nach dem Fall der Mauer viele Planungsinstrumente eingeführt hat, die man vor 1989 pausenlos als sowjetische Planwirtschaft kritisierte. So zum Beispiel Ziel- und damit Plansollvorgaben, eindrucksvolle Dokumentationen anhand von Statistiken, die nichts besagen, aber beweisen sollten, dass das Plansoll erfüllt wurde - allerdings begleitet von kreativen Tricksereien, wie man sie zum Stimmen bringt.
 
  • Zweitens: der Dienstleistungsbegriff kann keine theoretische Basis für eine Definition von Professionalität sein (vgl. Rudolph Bauer xxx, Obrecht xxx). Er besagt lediglich, dass die Soziale Arbeit weder dem Landwirtschafts-, Gewerbe- noch dem Industriesektor zugeordnet werden kann, sondern ein Beruf ist, der zum Dienstleistungssektor gehört, der sich im Rahmen von Industriegesellschaften ausdifferenziert hat. Wie man aus so verschiedenen Dienstleistungsberufen wie Postbeamter, Frisör, Drucker, Kosmetikerin, Schaffner Verkäufer, Kellnerin, aber auch Berater, Pflegefachfrau, Lehrer usw. im Direktgang ein Professionsverständnis für die Soziale Arbeit herleiten will, ohne an die inhaltlichen Zuständigkeitsbereiche und den gesellschaftlich strukturell mrginalen Ort Sozialer Arbeit im Sozialwesen als wichtige Bestimmungsgrössen anzuknüpfen, ist nicht nachvollziehbar. Dieser strukturelle Ort war und ist in Deutschland bis heute gesetzgeberisch geordnet und vollzieht sich in Organisationen der Jugend- und Sozialämter mit grosser Kontroll- und Sanktionsmacht. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass selbst die Promotoren der Dienstleistungsvorstellung zum einen die Hinwendung zu den Bedürfnissen der Kundschaft fordern, aber im gleichen Atemzug die Planung von Institutionen fordern, die im Einklang mit den „verwaltungstechnischen Vorgaben“ sein müssen. (Otto xxx)
 
  • Die Auflösung von Führungs- und Kontrollebenen hat wohl finanzielle Einsparungen gebracht. Was aber offenbar nicht durchschaut wurde, ist, dass alles was bisher von Menschen kontrolliert wurde – miteingeschlossen zentrale fachliche Inhalte, jetzt in die sündhaft teuren und immer wieder neuen Softwareprogramme eingebaut wurde, wovon die meisten von Fachfremden hergestellt wurden. Das geht soweit, dass dort, wo sich Sozialarbeiter beispielsweise aus berufsethischen oder andern Gründen weigern, einen Eintrag zu machen, das Programm nicht geschlossen werden kann.
Als die Theoretiker feststellen mussten, dass sich ihre grossen Hoffnungen auf neoliberale Befreiung in Luft auflösten, begannen sie mit der bis heute andauernden Welle der Neoliberalismuskritik. Ihr Schlagwort der „Ökonomisierung der Sozialen Arbeit“ ist allerdings falsch, denn Soziale Arbeit hat seit ihrer Entstehung selbstverständlich eine ökonomische Basis. Die zentrale Frage ist dabei, auf welche ökonomische Theorie sie sich dabei stützt. Ist es die zur Zeit vorherrschende, neoklassische Ökonomie mit den aktuellen Instrumenten der Betriebswirtschaftslehre oder ist es eine menschengerechte Ökonomie (vgl. dazu Kubon-Gilke, Elsen), die auch die jetzige BWLisierung der Sozialen Arbeit revolutionieren würde. Aber es gibt noch einen dritten Mythos zu skizzieren, der mehrheitlich sowohl von den staatlichen als auch den staatlich finanzierten, „freien“ Trägern des Sozialwesens im staatlichen Auftrag geteilt wird. Es ist der Professionalisierungsmythos. (3) Der Professionalisierungsmythos: Ich skizziere ihn wie folgt: Die Abkehr von der Problem- als Defizit- hin zur Dienstleistungs- bzw. Lösungsorientierung verspricht der Sozialen Arbeit Professionalität und Hoffnung auf gesellschaftliche Anerkennung In der Mai/Juni-Nummer von 2009 (S. 85-88) der Blätter für Wohlfahrtspflege konnte man lesen, dass die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. Berlin, also der einflussreiche Verband der wichtigsten Arbeitgeber, ein Grundsatzpapier zu den„Qualitätszielen der Wohlfahrtsverbände zur Erreichung ihrer spezifischen Dienstleistungsqualität (8. Mai 2008)“ erarbeitet hat. Dort heisst es: (Die Ziel- und Wirkungsorientierung) zwinge dazu, „klare Ziele zu definieren und Erfolgs-/Ergebniskriterien zu beschreiben. ... Der Regelkreislauf aus Zielformulierung, Massnahmenplanung, Umsetzung, Evaluation/Messung der Ergebnisse und erneuter Zielformulierung ist als systematisches Verfahren dokumentiert und in der Praxis nachweisbar“. Was sich hier zeigt, sind Folgen der Denunziation der Problemorientierung als Defizitorientierung zugunsten einer Lösungsorientierung – inspiriert vom Grundsatz des „Management by Objectives“ aus der Betriebswirtschaftslehre. In einem schweizerischen Sozialamt gab es sogar ein Verbot, den Begriff „Problem“ zu benutzen. Es ging darum, die Klientel zielgerichtet nach ihren „Anliegen“ zu befragen, was die Theoretiker Sozialer Arbeit, wie vorhin erwähnt, als zu begrüssende Nachfrageorientierung bezeichneten. Aber auch die Sozialarbeitenden wurden nicht müde, festzuhalten, dass sie jetzt „lösungs- und nicht mehr problem- oder defizitorientiert“ arbeiten. Da der Regelkreislauf mit einer „Zielformulierung“ als ersten Verfahrensschritt beginnt, muss allerdings vermutet werden, dass es vor allem oder allein darum geht, die Nachfrage nach Hilfeleistungen einem vordefinierten Produkt- bzw. rechtlich gefassten Massnahmenpaket oder -katalog zuzuordnen – also eine „Passung“ von Angebot und Nachfrage, so wie dies denn auch die Marktgesetze vorsehen. Es gibt Sozialarbeitende, die mir sagten, dass sie einen Ohrverschluss hätten, sobald ihre Klientel auf Probleme zu sprechen komme, die nicht mit dem Massnahmenpaket der Einrichtung übereinstimmt. Was in diesem Regelkreislauf nicht vorgesehen ist, sind differenzierte, sozialarbeiterische Diagnosen für individuelle, komplexe psychosoziale Probleme im Zusammenhang mit komplexen sozialen Systemen, genauer: das sozialkulturelle Umfeld der AdressatInnen. Desgleichen fehlen Fragen nach kontext- und individuumbezogenen sowie allgemeinen wissenschaftlichen Erklärungen für diese Probleme. Gerade letztere sind als Beitrag in interprofessionellen Teams, z.B. im Bereich der klinischen Sozialen Arbeit, unerlässlich, um überhaupt als gleichwertige Professionelle ernst genommen zu werden. Mit einem solchermassen verkürzten „handlungstheoretischen Regelkreis“ enteignet man die Soziale Arbeit auf zweifache Weise: Man beraubt sie erstens des Nachdenkens und der Expertise über soziale Probleme, also in Bezug auf ihren eigentlichen Zuständigkeitsbereich. Und zweitens verschreibt man ihr ein klares Entprofessionalisierungsprogramm. Für die Professionsentwicklung Sozialer Arbeit ist es geradezu tragisch, dass die Mitglieder des Fachbereichtstags Soziale Arbeit es nicht schafften, im Qualifikationsrahmen Soziale Arbeit einen problemspezifischen Zuständigkeitsbereich sowie ein minimal verbindliches Kompetenzprofil zu definieren. Damit hat man - beides zusammen genommen - ein Einfallstor für den sich in der Fachwelt des Sozialwesens ausbreitenden „Management-Speak“ geschaffen. Viele SozialarbeiterInnen können nicht mehr zwischen den Konzepten der Disziplin und Profession Sozialer Arbeit und den Begriffen der Betriebswirtschaftslehre unterscheiden. Um nur zwei, etwas spezielle Beispiele zu nennen: Ein Sozialarbeiter, der bei der Caritas arbeitet, spricht von seiner „Firma“ und ein Doktorand schreibt von „Gerechtigkeitsmanagement“ mit der Begründung, dass seine Professorin der Meinung sei, dass der Einsatz der Managementsprache Soziale Arbeit gesellschaftlich salonfähig mache. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Replik des Leiters der Arbeitsstelle Qualitätsmanagement/Qualitätspolitik im Deutschen Caritasverband e.V., Christoph Langer, auf meinen kritischen Beitrag zum Papier „Qualitätsziele der Wohlfahrtspflege zur Erreichung ihrer spezifischen Dienstleistungsqualität“ (in den Blättern der Wohlfahrtspflege 2010:xxx). Er verweist auf den PDCA-Zyklus hin (Plan/Do/Check/Act), der „bei allen (sic!) relevanten Aktivitäten zum Tragen, insbesondere eben auch bei der Anwendung des Qualitätsmanagementssystems, aber letztendlich auch im Beratungsprozess (zur Anwendung komme).“ (S. 188f.) Damit ist einmal mehr das erwiesen, was ich kritisch aufzeigen will: der Einzug von Managementkonzepten und Standardisierungsprogrammen??? in die Soziale Arbeit als Ersatz für wissenschaftlich begründete und professionelle Handlungs- und soziale Problemtheorien sowie Methoden – und zwar als von oben verschriebenes, teilweise in Manuale gegossenes Top-Down-Modell, bei dessen Konzeption SozialarbeiterInnen, soviel mir bekannt ist, nicht als die eigentlichen ExpertInnen ihres Faches vertreten sind. Zwischenbilanz Sozialarbeitstheoretisch untermauerte neoliberale Befreiungs- und dienstleistungstheoretische Professionalisierungsversprechen haben sich als argumentativen Nebel erwiesen – kräftig unterstützt durch die Mär der Finanzknappheit und damit des Sparzwangs des Sozialstaates. Anstatt die Soziale Arbeit von fachfremden Vorgaben aller Art zu befreien, hat man ihr ein immer starrer werdendes Korsett angelegt. Dabei ist es viel zu einfach, den Neoliberalismus als Sündenbock vor sich her zu tragen. Denn es zeigt sich, dass Soziale Arbeit im Vergleich zu andern Professionen, die Zumutungen und fachlichen Fremddefinitionen durch PolitikerInnen und irgendwelcher Experten am wenigsten abwehren konnten und können. Das Entprofessionalisierungsproblem ist hausgemacht. Dazu tragen, wie ich zu zeigen versuchte, Theoretiker Sozialer Arbeit, Ausbildner, Träger, Sozialmanager und PraktikerInnen des Sozialwesens bei. Hausgemachtes kann nicht auf fremde Retter warten, sondern muss „zu Hause“ bearbeitet werden. Deshalb versuche ich im zweiten Teil, fünf Aktionslinien unterschiedlicher Tragweite und Komplexität zu formulieren, welche als wichtige Bedingungen für die Befreiung der Sozialen Arbeit aus dem vornehmlich selbst geschaffenen Korsett betrachtet werden müssen.  
  1. Befreiung aus dem vornehmlich selbstgeschaffenen, aber fremddefinierten Korsett – wie soll das gehen?
Vor allem werden Sie mich fragen, wie man sich vom Sparzwang befreien kann. Nun, das ist gewiss das schwierigste Unterfangen und doch gibt es Möglichkeiten für Sozialarbeitende, die über den Tellerrand denken und handeln möchten, auch wenn es nur kleine Brötchen sind: Damit meine ich die Unterstützung und je nachdem die Mitarbeit in NGOs/Aktionsgruppen, die sich für ein Mindesteinkommen, ein Grundeinkommen im europäischen Raum oder gar weltweit einsetzen. Die UNO hat das Anliegen für Bevölkerungen in extremer Armut sowie arme Länder aufgenommen und nennt es „Social Protection Floor“. Alles, wirklich alles wäre durch eine Finanztransaktionssteuer von etwa 1 oder 1,5 % auf die riesigen, eingangs erwähnten Spekulationsmilliarden zu finanzieren. Das andere wäre, sich an die Anfänge der Professionalisierung Sozialer Arbeit zurückzuerinnern, die unter viel schwierigeren wirtschaftlichen, politischen, teilweise heutigen Drittweltbedingungen – ohne jede Sozialsicherung - stattfand. Zudem vernahm ich letzten Sonntag am deutschen Fernsehen, dass fast die Hälfte der deutschen Bürger nichts an die Sozialversicherung einbezahlt. Auch wenn es etwa weniger sein sollte – das heisst, dass es auch noch etliche innerdeutsche Finanzierungsquellen für das Sozialwesen auszuschöpfen gilt. Als übergreifendes Motto gilt: Wer nicht fähig ist, sich theoretisch und praktisch selber zu definieren, wird fremddefiniert. Zweite Aktionslinie: Emanzipation von den allgegenwärtigen Managementbegriffen Sozialer Wandel beginnt nicht auf der Strasse mit den Füssen und in Sprechchören, sondern immer zuerst in den Köpfen, also mit einem Bewusstseinswandel, der in unserem Fall zuerst zu einem Sprachwandel führen muss. Gehen sie jede Revolution durch – alle haben mit Verschriftetem, einem oder mehreren Büchern begonnen: das Alte und Neue Testament, der Koran, Luthers Thesen/Zwinglis Schriften, Marx’s Kapital, Gandhi’s, Martin Luther King’s, Senghor Schriften (Négritude), Fanon, Nelson Mandela, ... ja, auch der Neoliberalismus hat seine Autoren mit Hayek, Friedman u.a. Soziale Arbeit wird – trotz gelegentlicher Omnipotenzfantaasien - viel, viel kleinere Brötchen backen müssen. Sie sollte als erstes damit beginnen, ihr Fachvokabular vom Managementvokabular zu befreien. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich habe nichts gegen ein interdisziplinär begründetes professionelles Sozialmanagement mit eigenen Begriffen, Theorien und Methoden; aber dies setzt heute einen eigenen Bachelor- und Masterabschluss voraus, der nicht – wie dies teilweise der Fall ist – als konsekutives Masterstudium der Sozialen Arbeit angepriesen wird. Und es setzt voraus, dass in einem Managementstudiengang nicht nur neoklassische Ökonomie als Schrumpfmodell von ökonomischer Theorie, aber heute wichtigste Bezugswissenschaft des Neuen, betriebswirtschaftlichen Steuerungsmodells, sondern die ganze, faszinierende Bandbreite ökonomischer Theorien und ihnen entsprechenden Managementmodellen als spezielle Handlungstheorien gelehrt wird (vgl. dazu Elsen xxx). Als erstes muss der absurde Kundenbegriff verschwinden, der jede empirisch beobachtbare Situation der Klientel Sozialer Arbeit widerlegt. Diese Klientel kann ja mit ihren Minibudgets nicht einmal auf dem sogenannt freien Gütermarkt frei und souverän entscheiden, was sie einkaufen möchte. Völlig absurd wird es, wenn man auch Asylbewerber als Kunden betrachtet.Nutzer“ mag etwas weniger absurd sein, ist aber äusserst nahe der heute bald durchgängigen, ökonomischen Nutzenorientierung. Die Stadt München hat sich für den Begriff des „Sozialbürgers“ entschieden. Heinrich Tuggener hat nachgewiesen, dass der vielkritisierte Klientenbegriff insofern emanzipatorisch gedacht war, als ihm die Vorstellung eines Auftragsverhältnisses seitens des Klienten gegenüber den Sozialarbeitenden zugrunde liegt - eine Vorstellung, die ich aufgrund meiner Sozialisation in der Sozialen Arbeit als selbstverständlich hielt. Darum habe ich erst kürzlich gemerkt, dass Böhnischs „Doppelmandat“ von „Hilfe und Kontrolle“ einzig und allein aus der Sicht des Staates, also obrigkeitlich und nicht aus der Perspektive des Klienten formuliert wurde. Klientenzentriertheit als „client-centered social work“ ist so alt wie die professionelle Soziale Arbeit selbst (vgl. Phillips xxx) und hat Carl Rogers, der als junger Arzt bei Sozialarbeiterinnen ein Praktikum absolvierte, so überzeugt, dass aus ihm seine „client-centered therapy“ geworden ist. Woher er diese Vorstellung hat, gibt er meines Wissens nur einmal in einem Einleitungstext zu seinem Buch preis! Dieser erste Schritt bewusster Sprachpflege dürfte der einfachste sein – zumindest auf der mündlichen, alltäglichen Verständigungsebene. Er setzt allerdings voraus, dass man sich als Profession eine sozialarbeiterische Fachsprache angeeignet hat bzw. wieder aneignet. Schwieriger wird es, wenn sich die BWL-Begriffe bereits in die EDV-Software und Manuale eingeschlichen haben. Aber auch da lassen sich Korrekturen anbringen. Stellen Sie sich einen Arzt oder eine Architektin vor, die sich ihre Diagnosen und Interventionsbegriffe von einem Betriebswirtschaftler definieren lassen. Aber noch viel wichtiger ist die Forderung, an der inhaltlichen Herstellung der Manuale und Software beteiligt zu sein. Es kann nicht sein, dass, wie eine Studie in einem ASD ergab, die SozialarbeiterInnen die Manuale als das einzige loben, was ihnen endlich Orientierung und Sicherheit gibt. In diesem Fall hat bereits die Ausbildung versagt. Dritte Aktionslinie: Befreiung von fachlich unhaltbaren „theoretischen Konzepten “ – am Beispiel einer zur Zeit modischen „Sozialraumorientierung“ Unter dem Stichwort „zur Wiedergewinnung kommunalpolitischer Handlungsfähigkeit in der Jugendhilfe“ gibt es ein Papier aus dem Kreis der Staatssekretäre der SPD-regierten A-Länder, das dem bundesweiten Anstieg der Hilfen zur Erziehung durch Sozialraumorientierung begegnen will, und zwar zum einen durch den Einbezug von Regelangeboten der frühen Hilfen, der Kindertagesbetreuung und der Schulen, zum andern ergänzt durch den Vorschlag, mit der Einführung von Gruppenarbeit mit armutsbetroffenen Familien. Da wird mit dem Versprechen der Wiedergewinnung kommunaler Macht die Schule zum Heilsbringer für Kinder in Not durch Armut, Gewalt, sexuelle Ausbeutung, Familienkonflikte, drogenabhängige, psychisch kranke, suizidale Eltern. Dabei weiss man nicht erst seit den PISA-Studien, dass die Schulen Teil des Problems sind. Da wird armutsbetroffenen, oft als Erziehungsversager stigmatisierten und darum meist sozial isolierten Familien im kostensparenden Multipaket Gruppenarbeit verpasst. Die ersten kritischen Fachbeiträge zum Papier der A-Länder stammen von Juristen zum KJHG oder SGB VIII, von Sozial- und Jugendpolitikern, Jugendamtsleitern, Gewerkschaftern, von Theoretikern, die statistisch das Ausmass der Bedarfslage ausleuchten und als erheblich höher einschätzen als das, was bisher statistisch erhoben wurde (Otto/Ziegler 2012) usw. Sozialarbeitsbezogene, disziplin- und professionstheoretische Beiträge sucht man in dieser Diskussion beinahe vergeblich (Ausnahme Meier xxx, der beispielsweise auf Studien über armutsbetroffene Familie hinweist, die zeigen, dass deren Zusammenführung in Gruppen unter Weglassung der Hilfen zur Erziehung – aus Spargründen - geradezu kontraproduktiv wäre). Wo ist die Fachexpertise, die – wenn auch zu Recht - nicht nur die Fallbelastungszahlen, die EDV-Software, die sparpolitischen Ziele der vorliegenden Variante von Sozialraumorientierung problematisiert? Wo ist die Fachexpertise, die aufzeigt, wie man – zusammen mit dem Kind, dem Jugendlichen oder einer Familie – fachlich kompetent ihr spezifisches soziales Umfeld in die Arbeit miteinbezieht? Die Frage führt zur dritten Aktionslinie. Vierte Aktionslinie: Befreiung der Sozialarbeitenden zur direkten Teilnahme an den zentralen Policy-, Konzept-, Ziel-, Methoden- und Softwareentscheidungen auf der Grundlage der Demokratisierung der staatlichen (ASD und Jugendamt) und nichtstaatlichen Einrichtungen . Dazu ein Text von Norbert Bobbio (2009: 76), der folgendes fordert:Wenn man wissen will, ob in einem Land eine Entwicklung der Demokratie stattgefunden hat, sollte man nicht (nur) danach Ausschau halten, ob die Anzahl derjenigen gestiegen ist, die zur Beteiligung an den sie betreffenden Entscheidungen berechtigt sind, sondern danach, ob die Anzahl der (sozialen) Räume oder Bereiche gewachsen ist, in denen man dieses Recht ausüben kann. Solange in einer fortgeschrittenen Industriegesellschaft die beiden grossen Blöcke einer Macht von oben, das Unternehmen und der (staatliche) Verwaltungsapparat, noch nicht vom Prozess der Demokratisierung erfasst wurden ... kann der Prozess der Demokratisierung noch nicht als abgeschlossen gelten.“ ... Gemeint ist nicht nur ihre Erweiterung zur direkten Demokratie (von Wirtschaft und Staat), sondern auch ihre Ausdehnung auf die Rolle der Gläubigen, Arbeiter, Studenten, Soldaten, Konsumenten, Kranken usw.“ (S. 76) „(D)ie einzige Garantie für die Einhaltung der Freiheits- (und Sozial)rechte (besteht) im Recht auf Kontrolle der Macht ..., die diese Rechte garantieren soll.“ (S. 76f.) (Ergänzungen in Klammern, StB) „Und dieses Recht muss auch von denjenigen eingelöst werden können, die der staatlichen Sozialbürokratie – also die Klientel wie die Angestellten, insbesondere die Sozialarbeitenden - unterworfen sind.“ Demokratisierung in staatlichen Einrichtungen würde heissen, dass diese nicht deshalb zu kritisieren sind, weil sie über erhebliche, rechtsstaatliche Macht verfügen, sondern darüber, nach welchen Gesetzesgrundlagen, Verteilungs- und Verfahrensregeln sie ihre Macht in Form von Verfügungen, Kontrolle und Sanktionen ausüben. Die Sozialgesetzgebungen sind zweifellos legal, aber sind sie auch ethisch, verfassungsmässig und menschenrechtlich legitim? Werden Löhne, Weiterbildungs-, Aufstiegschancen, Anerkennung nach fairen oder willkürlichen Kriterien verteilt? Welche Formen von aktiver Partizipation der SozialarbeiterInnen sowie der Klientel, aber auch weiterer Angestellter sind institutionalisiert? Welche Sanktionen für KlientInnen sind legal, aber aus ethischen oder/und menschenrechtlichen Gründen eventuell nicht legitim? Und last, but not least: Wie gestaltet sich eine demokratisch und zugleich professionell gestaltete Hilfsbeziehung zwischen den AdressatInnen der Sozialen Arbeit und den SozialarbeiterInnen, wenn man nicht als eine Form von Augenwischerei von gleicher Augenhöhe sprechen will ? Das ist zugegebenermassen ein sehr weites Kapitel, das ich hier nur in Form von Fragen skizzieren konnte (vgl. dazu Jutta Heiderich: Gerechtigkeit in Organisationen 2011). Ich vermute, dass dieses Thema im Podiumsgespräch wider aufgegriffen wird. Fünfte Aktionslinie: Disziplinär-professionelle Emanzipation und politisch engagierte Professionalität – das Tripelmandat Sozialer Arbeit macht’s möglich! Der Verweis auf das Doppelmandat der Sozialen Arbeit ist in vielen Fachbeiträgen und Diskussionen präsent. Nicht nur angesichts der Vorgänge in Hamburg muss man eher von einer Entwicklung in Richtung Monomandat seitens der Träger sprechen. Beschleunigt wurde sie durch die politischen Attacken gegen Sozialschmarotzer und –betrüger – in der Schweiz spricht man im gleichen Atemzug auch von Scheininvaliden – aber auch durch die tragischen Fälle von zutode gekommenen Kindern unter dem Schutz des Staates. Studien haben ergeben, dass viele Sozialarbeitende den Schutz vor Attacken gegen ihre Person und/oder die Organisation über die professionell notwendige Hilfe an ihre Klientel stellen. Würden sich SozialarbeiterInnen als Professionelle verstehen, müsste ein Tripelmandat – nämlich eines seitens ihrer Adressaten, eines seitens der Gesellschaft und Träger als ihre Repräsentanten und eines seitens der Profession – über ihr Tun und Lassen bestimmen. Das dritte, professionelle Mandat umfasst zum einen wissenschaftsbasierte Handlungsleitlinien und zum andern den Ethikkodex der Profession, der im Fall der Sozialen Arbeit soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte zur Grundlage hat. Dabei wäre aufgrund des tiefen Organisationsgrades der Profession im DBSH zu fragen, ob die Sozialarbeitenden ihren nationalen und internationalen Ethikkodex überhaupt kennen, mit welchem sie bestimmte gesellschafts- und trägerspezifische Zumutungen abwehren könnten? Vermutlich noch weniger bekannt ist die Vorstellung, dass eine Profession, im Unterschied zu einem Beruf, der die Anwendung problemangemessener Methoden vorsieht, ihre Interventionen aufgrund wissenschaftlicher Forschung begründen muss. Dies bedingt wiederum, dass SozialarbeiterInnen den Unterschied zwischen Beschreiben, Erklären und Bewerten nicht nur kennen, sondern beherrschen müssen, was keineswegs selbstverständlich ist. - Wie bei andern Professionen, bildet das professionelle Mandat, man denke beispielsweise an den hypokratischen Eid der Ärzte, die Basis für eigenständige, wissenschaftlich und professionsethisch begründete Entscheide, die – wie bereits erwähnt - je nachdem auch gegen die Zumutungen von Trägern oder der Klientel fachpolitisch durchgesetzt werden können bzw. müssen. Die Frage, ob Soziale Arbeit politisch werden darf, kann oder soll, wird angesichts eines Mandates, das soziale Gerechtigkeit und die Menschenrechte mit ihrem höchst gesellschaftskritischen Potenzial als professionsethische Basis hat, zur Scheindebatte. Allerdings geht es nicht um Partei-, sondern um wissenschaftsgestützte Expertise, die Entwicklung von „social policies“ zwecks politischer Einflussnahme. Davon ist meines Wissens in diesen turbulenten Zeiten wenig zu beobachten, aber mein Wissen kann beschränkt sein. Und vor allem soll dieses Defizit nicht einfach den PraktikerInnen angelastet werden. Hier stehen die (Fach)Hochschul- und universitären Bildungsstätten in der Pflicht. Der Wildwuchs an Masterstudiengängen, die Leerstellen bzw. schwarzen Löcher im Qualifikationsrahmen, die Uneinigkeit drüber, ob der Bachelor oder der Master das Regelstudium sein soll, trägt leider nicht zur Klärung der hier aufgezeigten Probleme bei. Wenn der Entprofessionalisierung ein Riegel geschoben werden soll, dann müssen sich die PraktikerInnen, der Berufsverband und die Gewerkschaft aktiv in die Debatten zu diesen Themen einmischen. Denn mit einem sechs-semestrigen Bachelorstudium ist man keine Profession – im interprofessionellen und internationalen Vergleich schon gar nicht. Die SozialarbeiterInnen können sich aber auch zusammenschliessen, nicht nur um den Sozialabbau zu bekämpfen, sondern um sich professions- bzw. fachpolitisch zu positionieren. Über ein erfolgreiches Beispiel mit SozialarbeiterInnen, die in der Psychiatrie arbeiten, kann ich eventuell anlässlich des Podiumsgesprächs berichten. Ein letztes: Die je nach Problemsituation notwendige fachbezogene Politisierung von Innen muss, solange die Dinge so sind, wie sie sind, von aussen durch „Arbeitskreise Kritischer Sozialer Arbeit“ sowie „Bündnisse“ wie beispielsweise dasjenige der „Kinder- und Jugendhilfe für Professionalität und Parteilichkeit“ – als Stachel im Fleisch – unterstützt werden. Zu diesem Stachel gehört aber auch die Bundesarbeitsgemeinschaft ASD/KSD, deren Gründung, wie ich feststellte, begreiflicherweise nicht vorbehaltlos begrüsst wurde. So wie ich in der Frauenbewegung, aber auch in der Menschenrechtsbewegung lernen musste, braucht es beide, um etwas zu bewegen: die kritischen Radikalen von draussen, um die heiklen Themen und Fakten auf die öffentliche und Sozialwesenagenda zu setzen und ihr diesbezügliches Wissen beizusteuern; und es braucht die Kritischen drinnen, um mit dem Gewicht, das heisst der legitimen Macht ihrer Organisation und Profession, Neuerungen einzuführen und durchzusetzen. Aber diese sollten nicht in neuen Formularen, Manualen, Zeitbudgets, Produktbestimmungen, menschenfeindlichen Bürolandschaften und dem Verzicht auf jede professionelle, sozialarbeitsbezogene Expertise bestehen. Es geht vielmehr um die Verpflichtung des ASD/KSD, die Profession der Sozialen Arbeit zu stärken und zwar so, dass deren Fachkompetenz im Sinne des Tripelmandates zum Tragen und in erster und letzter Linie den AdressatInnen Sozialer Arbeit zugute kommt. Ein Allerletztes: Seit letztem Mittwoch liegt mir eine Zusammenfassung des „Lageberichts ASD der Uni Koblenz“ über die Ereignisse rund um Chantals Tod vor. Was dort an professionellen Versäumnissen beschrieben wird, ist derart skandalös, dass ich nicht umhin kann, noch folgendes Nachwort zu formulieren: Zum einen: Weshalb sind die dort tätigen SozialarbeiterInnen nicht schon längst in den Streik getreten, anstatt endlos nicht beantwortete Überlastungsklagen zu verschicken und das Problem individuell durch Kündigung zu lösen? Zum andern: Die Forderung nach Einmischung von aussen wie von innen erhält hier allerhöchste Dringlichkeit und zwar seitens der Sozialarbeitenden, um noch einen Funken professioneller Selbstachtung zu retten sowie seitens der kritischen Verbände, Arbeitsgemeinschaften usw., wie beispielsweise die BAG ASD/KSD, um endlich Professionalität einzuklagen und die dazu notwendigen Vorkehrungen – inklusive eine Ombudsstelle - dafür mit aller Entschiedenheit und Beharrlichkeit einzufordern. Zürich, 6. & 9./12. September 2012