1.194 Unterschriften

Die Petition zur Kinder- und Jugendhilfe ist abgeschlossen!

Liebe Unterzeichner*innen

der Petition „Memorandum Kinder- und Jugendhilfe -
für die Wiederherstellung einer sozialpädagogisch und ethisch orientierten Jugendhilfe“ des Bündnisses Kinder- und Jugendhilfe für Professionalität und Parteilichkeit

Zuerst möchten wir Euch allen ganz herzlich danken, dass Ihr die Petition unterschrieben habt. Über die vielen, sehr interessanten und aufschlussreichen Kommentare haben wir uns sehr gefreut.

Wir danken ebenso allen, die durch die Weiterverbreitung des Aufrufes auf die Petition aufmerksam gemacht haben.

Danken möchten wir auch für die Anregungen zu inhaltlichen wie technischen Fragen unseres Aufrufes.
Es war höchste Zeit! Denn ein Entwurf zu einem neuen Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz ist für Mai 2016 angekündigt!

 

Zum Ergebnis

Nach der Laufzeit von 6 Monaten wurde der Aufruf von 1.194 Petent*innen unterschrieben, darunter viele Kolleg*innen aus der unmittelbaren Praxis der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch viele Lehrende und Studierende, teils auch Politiker*innen.

  • 18 Unterschriften kamen aus dem deutschsprachigen Ausland.
  • Auf die Bundesländer verteilen sich die Unterschriften recht unterschiedlich. Deutliche Schwerpunkte lagen in NRW mit 203 Unterschriften, Berlin mit 182 Unterschriften und Niedersachsen mit 156 Unterschriften.
  • Von den 1.194 Unterschriften wurden 20% anonym abgegeben.
  • 52 der Unterzeichner*innen sind Wissenschaftler*innen.
  • Die große Anzahl von 143 Kommentaren zeigt, dass viele der Unterzeichner*innen mit den Inhalten der Petition auch ihr eigenes Anliegen vertreten sehen.

 

Die Kommentare zeichnen ein deutliches Bild vom desolaten Zustand der Kinder- und Jugendhilfe, der zusehends dem SGB VIII widerspricht. Wobei man davon ausgehen muss, dass die Kommentator*innen nicht etwa alle ihre Kritikpunkte genannt haben, sondern jeweils die Punkte aufgegriffen haben, die ihnen besonders wichtig waren.

Folgende Aussagen möchten wir an dieser Stelle zusammenfassend hervorheben:

Die Kommentierenden

  • berichten von eigener Betroffenheit als MitarbeiterIn oder auch als KlientIn und bestätigt anhand eigener Erfahrungen die im Memorandum aufgezeigten Schieflagen.

Beispiel:
„Während meiner ca. 20 jährigen Tätigkeit im Allgemeinen Sozialen Dienst (1993 bis 2013) konnte ich die Entwicklung, die in dem Memorandum beschrieben und kritisiert wird, deutlich miterleben.“

  • stellen sich explizit in allen Punkten hinter die Aussagen und die Forderungen der Petition. Hier werden keine einzelnen Aspekte herausgehoben.

Beispiel:
Ich war über 30 Jahre in der deutschen Kinder- und Jugendhilfe tätig und verfolge die Entwicklungen schon lange mit Sorge. Um diese Entwicklung möglichst zu stoppen unterschreibe ich diese Petition.“

  • fordern die Politik auf, den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in unserer Gesellschaft mehr Wert und Bedeutung beizumessen und die Kinder- und Jugendhilfe ausreichend, d.h. entsprechend der vorliegenden Bedarfe finanziell auszustatten, statt finanzielle Gesichtspunkte über die Interessen der kommenden Generation zu stellen. Gefordert wird eine Kinder- und Jugendhilfe, die sich an der Würde und dem Wohl der betroffenen Minderjährigen orientiert und nicht an ihrer potentiellen Nutzbarkeit oder an der Kassenlage der Kommunen.

Beispiel:
„Die Fortschreitende Vernichtung der freien Entfaltung im Kinder- und Jugendalter ist das Instrument, freies Entwickeln und Entscheiden zu behindern. Doch ein als frei geltendes Land braucht freie Menschen und die gibt es nicht zu kaufen oder durch Zufall. Deswegen bin ich hier Unterstützer im Streit gegen die Zerstörer von Kindheit und den Grundlagen demokratischer Willensbildung.“

  • bewerten die heutige Sparstrategie als verantwortungslos.
    Zum einen wird immer wieder beschrieben, dass Kürzungen und die Vorbereitung weiterer Einsparmöglichkeiten eine kontinuierliche, fachlich qualifizierte Arbeit ver- oder behindern. Dabei gehen viele der Kommentator*innen auf die Praxis der Projektförderung ein, die zu Ungunsten der sozialpädagogischen Regelarbeit massiv gefördert, dann aber abgebrochen und als „Jugendhilferuine“ stehen gelassen wird.

Beispiel:
„Weil seit Jahren die strukturelle Jugendarbeit immer weiter eingeschränkt wird zugunsten kurzlebiger und plakativer 'Projekte', während die Bedarfe sich erhöhen aufgrund von neoliberaler Politik der letzten Dekaden. Die Reichtums-Armutsschere weitet sich deutlich und immer mehr Kinder und Jugendliche leben in Armut mit wenig Perspektiven in diesem reichen Land! Dies verletzt eklatant die Normen der sozialen Marktwirtschaft und gefährdet unsere Demokratie und Zukunftsfähigkeit.“


Zum anderen wird oft darauf aufmerksam gemacht, dass das Sparen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe gesellschaftliche Problemlagen verschärfen wird (Kinderarmut z.B.) und mit den Chancen der gesellschaftlichen Zukunft spielt.

 Beispiel:
„Ich verfolge entsetzt seit Jahren, wie unter dem Deckmäntelchen der Verbesserung und Vereinfachung (und damit der Effizienz und dadurch der Kostensenkung) diese aus meiner Sicht nicht nur unerlässlichen, sondern sowieso schon zu geringen Unterstützungsangebote abgesenkt bzw. geschleift werden. Aus meiner Sicht verdeckt das Deckmäntelchen, dass es ausschließlich um Einsparung geht, ohne Rücksicht auf Betroffene und ohne einen Blick auf die langfristig zu erwartenden Konsequenzen für unsere Gesellschaft.“

Von etlichen Kommentator*innen wird angemerkt, dass den angeblich knappen Kassen ein sehr großer gesellschaftlicher Reichtum gegenübersteht, der aber für die Lösung der Bedarfe der Kinder, Jugendlichen und Familien offenbar nicht herangezogen werden soll.

Beispiel:
„Um es - in Anspielung auf einen anderen Zusammenhang - mal ganz schlicht auszudrücken: Immer unzureichendere Unterstützung der darauf angewiesenen Kinder und Jugendlichen einerseits und weitgehende Verschonung riesiger Privatvermögen andererseits geht gar nicht! Derartige Zustände untergraben nicht nur die Effektivität sämtlicher Unterstützungsmaßnahmen, sondern auch die für eine lebenswerte Gesellschaft zentralen Werte wie Humanität und Solidarität.“

 

  • heben die weitgehende Dekonstruktion der professionellen Arbeit hervor, die sich zum einen in der Herabsetzung von Qualität und Ausstattung von Hilfeleistungen Angebote und Leistungen werden heruntergefahren und verwässert, „veroberflächlicht“ und ihrer Wirkmöglichkeiten beraubt. Es fehlt jede Kontinuität in der sozialpädagogischen Arbeit und die zur Verfügung gestellten Zeitkontingente sind fachlich gesehen nicht ausreichend.
    Beklagt wird die Gängelei der Profession durch fachfremde Leitungen und deren Nichtachtung der Fachlichkeit der Profession.               

Beispiel:
Auch meine persönlichen Erfahrungen sind ein zunehmende Ökonomisierung in der Jugendhilfe. Ich beobachte mit großer Sorge, dass Mindestqualitätsstandarts immer wieder unterlaufen werden. Die Helfersysteme sind oft schlecht ausgebildet oder verfügen über einer geringe persönliche Eignung für die professionelle Jugendhilfe. Der Kostendruck auf die Jugendämter spiegelt sich dann oft in der Qualität der Sozialarbeit wieder. Unter "erfolgreicher" und ressourcenorientierter Sozialarbeit verstehe ich etwas anderes, als ich es aktuell oft erlebe. Gute und professionelle Arbeit hat auch ihren Preis. Dies gilt doch auch im privatwirtschaftlichen Bereich.“        

  • Beklagt wird, dass die Hilfen der Kinder- und Jugendhilfe nur noch selten sozialpädagogischen Charakter Sie können angesichts der betriebswirtschaftlichen Rahmung, des Zeitdrucks und des Personalmangels, der Überlastung der Mitarbeiter*innen und der ständigen Notwendigkeit, sich zu rechtfertigen, zu dokumentieren und den Kontrollbedürfnissen der Verwaltung nachzukommen oft nicht mehr sein, als eine Verwaltung und Steuerung der Klientel.
    Von einigen der Kommentator*innen wird hervorgehoben, dass auch in der Kinder- und Jugendhilfe in den letzten Jahren die Tendenzen zu Druck und Sanktionen angestiegen sind.

Beispiele:
„Das Diktat ökonomischer Interessen führt zu Deprofessionalisierung, damit zu weniger und/oder schlechterer Hilfe für Kinder und Jugendliche. Die Kinder- und Jugendhilfe muss die Möglichkeit haben, auf alle spezifischen Aspekte eines jeden einzelnen Falles resp. Menschen einzugehen und genau die Zeit zu investieren, die erforderlich ist, um wirksame und nachhaltige Hilfe leisten zu können.“

Mir ist diese Petition wichtig, weil ich in der Familien- u. Jugendhilfe immer wieder erlebe, dass nachhaltige Erfolge zuerst durch Beziehungsarbeit zustande kommen. Mit Case-Management und Sozialraumorientierung im Fokus oder an erster Stelle – sind Menschen in schwierigen psychosozialen Verhältnissen überhaupt nicht zu erreichen! Sie lassen sich nicht berechnen, nicht durch Zielvereinbarungen, Kontrolle oder Bewertungen auf den richtigen Weg bringen. Sie werden sich selbst nur verändern können und wollen, wenn sie darin unterstützt werden, mehr von sich selbst zu verstehen! Selbstverstehen und Selbstveränderung geschieht aber vor allem über die Beziehungsarbeit. … Es darf in der Familien-, Kinder- u. Jugendhilfe nicht so kurz gedacht werden, dass der billigste Träger zum Zug kommt.“

 

  • Die Kommentator*innen stellen konkret fest, dass die Hilfen, die die Betroffenen erhalten, nicht mehr ausreichen, eine schlechte Qualität aufweisen und dass ihnen zum Teil sogar keine oder nicht die notwendige Hilfe gewährt wird. Dabei heben sie besonders hervor, dass die Kinder- und Jugendhilfe sich nicht gesetzkonform und fachlich angemessen mit der Tatsache auseinandersetzt, dass auch junge Erwachsene sehr wohl einen berechtigten Bedarf für Hilfen aufweisen können.

Beispiel:
Kinder und Jugendliche, Eltern und Mitarbeitende dürfen nicht länger Opfer einer sogenannten Reformpolitik sein, die nichts anderes als sachwidrige Kürzungspolitik ist. Es darf nicht sein, dass Behörden Gesetze brechen und dann auch noch renitent gegen Urteile der Gerichtsbarkeit im Sinne der Betroffenen sind.“

  • Sie sind in besonderem Maße erzürnt über die unangemessenen, krankmachenden und fachlich kontraproduktiven Arbeitsbedingungen. Sie fordern die Begrenzung der Fallbelastung im ASD, die Abschaffung der Stellenunsicherheiten am Jahresende, den Schutz der Studien-Abschlüsse von Sozialarbeiter*innen und hinreichende Zeitressourcen für die gestellten sozialpädagogischen Aufgaben.
    Häufig werden in diesem Zusammenhang auch die prekären Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter*innen in der Kinder- und Jugendhilfe kritisiert. Unterbezahlung, geringe vertragliche Stundenzahl, vom Arbeitgeber erwartete, unbezahlte Mehrarbeit, Zeitverträge und mehr werden als für die fachliche Arbeit kontraproduktiv und für die persönliche Lebenslage der betroffenen Sozialarbeiter*innen als unzumutbar beschrieben.

Beispiel:
„Wir erleben täglich die Auswirkungen von zu wenigem Personal in den Jugendämtern, der Amtsvormundschaft und in unseren Einrichtungen. Unsere fachliche Arbeit ist nur noch durch Selbstausbeutung in der durch uns verantwortbaren hohen Qualität zu leisten. Die Kinder, Jugendlichen, jungen Mütter und Väter kommen mit vielen psychosozialen, emotionalen und finanziellen Problemlagen in unsere Betreuung und auch die Arbeit mit deren Herkunftsfamilien wird immer umfassender und aufwendiger. Die Anforderungen an uns Sozialpädagog/inn/en und Erzieher/innen steigen permanent, doch die entsprechende Wertschätzung unserer Arbeit bleibt aus. … Unsere Arbeit wird nicht entsprechend geltendem Arbeitsgesetz angerechnet und vergütet, obwohl wir staatliche Pflichtaufgaben erfüllen und die Verantwortung für junge Menschen tragen. Wie kann so eine qualifizierte und ethische soziale Arbeit geleistet werden? Mit diesen einschränkenden Rahmenbedingungen kann gutes Personal kaum gehalten werden und Beziehungsabbrüche für unsere Kinder und Jugendliche ist vorprogrammiert. … Die jahrelange Kürzungspolitik des Staates und deren Auswirkungen haben nachhaltige entwicklungshemmende und entfaltungsbegrenzende Auswirkungen, sie wird auf dem Rücken der durch uns betreuten Kinder und Jugendlichen sowie auf dem sozialpädagogischen Personal ausgetragen.“

  • Sie verurteilen mit Blick auf ihre fatalen Folgen explizit die marktwirtschaftliche Orientierung großer Teile der heutigen Kinder- und Jugendhilfe und ihre neoliberale Ausrichtung.
    Nicht mehr die Menschen ständen im Zentrum der gegenwärtigen Kinder- und Jugendhilfe, sondern die Interessen des Anbietermarktes, die funktionale Wirkungsorientierung der Inhalte (in deren Verlauf es nicht mehr um das Wohl der Minderjährigen, ihre Bildung und Erziehung geht, sondern um die Vermeidung weiterer Unterstützungsleistungen ) sowie die Spar- und Kontrollbedürfnisse des Staates. Die Kinder- und Jugendhilfe habe sich in weiten Teilen von den humanistischen und demokratischen Werten abgewandt.               
    Sie fordern, den Abbau des betriebswirtschaftlichen Denkens und Entscheidens innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe und die Zurücknahme der fachfremden Steuerungsmodelle, die an Stelle von sozialpädagogischer Fachlichkeit die Kinder- und Jugendhilfe dominieren.

Beispiele:
„Meine Erfahrungen in 23 Jahre Arbeit in der Jugendhilfe als Sozialarbeiterin haben mich veranlasst, diese Arbeit nieder zulegen. Dem System werfe ich vor, zunehmend über die Jahre und ganz die Jugendarbeit von privaten professionsfremden, betriebswirtschaftlich und Profit orientierten Menschen in Führung übernommen zu haben. Die professionellen Helfer werden kaputt gespielt psychisch: durch Ausbeutung, Mobbing und Verhinderung von menschenwürdiger Betreuung. Innovation und gute Ideen werden immer nur gewünscht wenn sie Kosten sparen, um den Geschäftsführern der sog. gemeinnützigen GmbH s das Bankkonto zu füllen.“

„Herzlichen Dank für diese wichtige und überfällige Initiative. Wir dürfen uns nicht länger gefallen lassen, dass fachfremde neoliberale Kräfte, die alles über den Markt geregelt wissen wollen, vorgeben wie Sozialen Arbeit zukünftig gestaltet wird. Der Mensch und nicht der "Markt" muss unser Handeln bestimmen. Nicht die kostengünstigsten sondern die aus fachlicher Sicht besten Hilfen, müssen unser Bestreben sein.“

 

Diese Stimmen sind an die Politik gerichtet. Die Unterzeichner*innen der Petition erwarten, dass die Regierung die seit Jahren geduldeten Rechtsbrüche in der Kinder- und Jugendhilfe abstellt und nachhaltig sanktioniert.

 

Einschätzung des Ergebnisses der Petition

Angesichts restriktiver, überbelastender und prekärer Arbeitsbedingungen in der Kinder- und Jugendhilfe sind 1.194 Unterzeichner*innen der Petition ein beachtlicher Erfolg. Für viele war die Erkenntnis, mit ihren Sorgen und Problemen in der Jugendhilfepraxis nicht alleine zu sein, von großem Wert.

Die vielen anonymen Unterschriften weisen allerdings darauf hin, dass es derzeit von einem großen Teil der Mitarbeiter*innen bei öffentlichen und freien Trägern als riskant eingeschätzt wird, laut und offen Kritik an den gegebenen Verhältnissen in der Kinder- und Jugendhilfe zu üben. Das halten wir für hoch problematisch und für einen Hinweis darauf, dass gegenwärtig die Demokratie in diesem Lande nicht mehr funktioniert. Die Politiker*innen sollte diese hohe Zahl anonymer Unterschriften alarmieren.

1.194 Unterzeichner*innen, das ist viel. Aber wir nehmen an, dass die Gruppe, die kritisch auf die Entwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe blickt, noch sehr viel größer ist.

Wir teilen die Meinung, dass unsere Petition Mängel aufwies und in einigen Punkten verbesserungswürdig gewesen wäre. Dabei ging es u. a. um die Verbreitung des Aufrufs sowie um  Tonfall und Stil, um eine zu starke Gewichtung der „Hilfen zur Erziehung“, den  Mangel an Visionen und das Fehlen konkreter Forderungen an die Politik sowie um unsere Klagen, von der Politik missbraucht und hingehalten  zu werden.
Wir verstehen unseren Aufruf nicht in erster Linie als Stimmensammlung, sondern wichtiger ist uns, dass dieser Aufruf diskutiert wurde, dass kritische Menschen der Kinder- und Jugendhilfe dadurch zusammenfinden können und zusammen Strategien entwickeln.

Die Petitionsfrist ist nun abgelaufen. Wir werden sie zusammen mit den Unterschriften dem zuständigen Ministerium zur Verfügung stellen.

Das aber kann und wird nicht das Ende unserer Bemühungen und Aktionen sein.

 

Was steht an?

Ein Entwurf zu einem neuen Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz ist für Mai 2016 angekündigt!

Das Bündnis Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit kann und will die mangelhafte Situation nicht länger akzeptieren - nicht für die Menschen, die auf unsere Unterstützung und Begleitung setzen, und auch nicht für uns als Fachkräfte, die häufig unter prekären Arbeitsbedingungen tätig werden müssen.

Wir haben seit Jahren aktiv die politischen Prozesse zur Kinder- und Jugendhilfe kritisch verfolgt und begleitet.

Im Mai 2016 soll von der Bundesregierung ein Referentenentwurf zur Novellierung des Kinder- und Jugendhilferechtes vorgestellt werden, der dann auf der Jugendministerkonferenz in Dresden am 2. und 3. Juni bearbeitet und für die Beschlussfassung im Bundestag vorbereitet wird.

Der Gesetzentwurf soll unter dem Zeichen der Inklusion stehen („große Lösung“). Wenn die Hilfeleistungen für behinderte Kinder und Jugendliche unter dem Vorzeichen des im Vergleich zur bisherigen Zuständigkeit (Sozialamt und Bundesländer) erweiterten Hilfeansatzes des Kinder- und Jugendhilferechtes auf die Jugendämter übertragen werden, wird dies mit Mehrkosten verbunden sein. Ob und wie diese Mehrkosten aufgebracht werden sollen, und wie dann die Frage der Kostenzuständigkeit geregelt wird, bleibt im Verborgenen. So steht zu befürchten, dass die ohnehin ausgedünnten Jugendhilfe-Haushalte weiter belastet und in Folge Standards abgesenkt bzw. die niedrigen Standards zur Norm erhoben werden.

Quasi im Sog der geplanten „großen Lösung“ werden, zumindest in den bislang bekannten Zielen, auch die bereits im März 2014 von den Jugendministern auf ihrer Konferenz in Mainz dargestellten Veränderungen im Bereich der Erziehungshilfe weiter geplant. So könnte zwar der Rechtsanspruch nominell bewahrt, aber durch gleichgestellte Angebote (etwa über sog. „Sozialraumhilfen“), andere Formen der Beauftragung von Hilfen und Erschwernisse in der Wahrnehmung des Rechtsanspruches ausgehöhlt werden.
Aus unserer Sicht steht zu befürchten, dass es bei der geplanten Novellierung letztlich um eine verdeckte Annäherung des Kinder- und Jugendhilferechtes an die anderen, neoliberal orientierten Sozialgesetze gehen wird.

 

Vielleicht ist der eine oder die andere von Euch der Meinung, dass wir gegenwärtig genug andere, drängendere Probleme zu bewältigen haben (z.B. hinsichtlich der Flüchtlingskrise) und die Kinder- und Jugendhilfe da erst einmal in den Hintergrund treten sollte. Das sehen wir jedoch als eine große Gefahr, denn so könnten die Neuerungen in der Kinder- und Jugendhilfe im Schatten der anderen Probleme ohne Beachtung in der Öffentlichkeit und ohne größere Widerstände durchgewinkt werden. Letztendlich gehören die Themen aber zusammen: Für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge und Migrant*innen darf es keine Kinder- und Jugendhilfe zweiter Klasse geben. Genauso wenig, wie es Hilfen für die minderjährigen Flüchtlinge auf Kosten der bestehenden Kinder- und Jugendhilfe geben darf.

Wir, das "Bündnis Kinder- und Jugendhilfe - für Professionalität und Parteilichkeit", sind der Meinung, dass das bestehende Kinder- und Jugendhilferecht (KJHG/SGB VIII) in seinem humanistischen, den Menschen zugewandten Geist zu erhalten, zu stärken und zu festigen ist. Unbenommen der Tatsache, dass es in ausgewählten Passagen und in konkreten Details einer Ergänzung und auch Veränderung bedarf. Vor allem müssen die Ergänzungen im Rahmen der Integration der jungen Menschen mit Beeinträchtigungen dem Duktus des SGB VIII folgen.

Wir stehen derzeit vor der Tatsache, dass die Bundesregierung eine Novellierung bzw. grundsätzliche Veränderung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes vorbereitet, die die seit 20 Jahren Schritt für Schritt immer weiter ausgedehnte Ökonomisierung und Neoliberalisierung dieses gesellschaftlichen Bereiches weiter forciert und festschreibt. Die bevorstehende Novellierung des SGB VIII bringt unseres Erachtens die humanistische und demokratische Ausrichtung des bestehenden Kinder- und Jugendhilferecht (SGB VIII) in Gefahr. Wir fürchten den Verlust einer professionellen und den ethischen Prinzipien der Sozialen Arbeit verpflichteten Kinder- und Jugendhilfe.
Uns geht es deshalb darum, unsere Forderungen für ein zukünftiges Kinder- und Jugendhilferecht zu verdeutlichen:

  • Stopp und Revidierung der Kürzungen in der Kinder- und Jugendhilfe unter dem Vorwand der „Schuldenbremse“,
  • Erhaltung der ethischen Grundlagen der Kinder- und Jugendhilfe gemäß KJHG/SGB VIII,
  • Wahrung der individuellen Rechte für Kinder, Jugendliche, ihrer Eltern und junger Erwachsener sowie der individuellen Ansprüche auf geeignete und notwendige Hilfe zur Erziehung,
  • Sicherung der Grundlagen der Sozialen Arbeit bei nachhaltiger Hilfe und verlässlicher sozialpädagogischer Beziehungsarbeit,
  • professionelle Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention für Kinder- und Jugendliche, nicht zu Lasten des individuellen Rechtsanspruches auf Hilfe zur Erziehung,
  • Aufnahme  des Bereichs Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in das SGB VIII („Große Lösung“) erst nach der vollständigen Klärung aller Folgen einer Alleinzuständigkeit der Jugendhilfe (zusätzliches qualifiziertes Personal, organisatorische Veränderungen, Verschiebung der öffentlichen Mittel von der Sozialhilfe zur Jugendhilfe , sinnvolle Integration von Sondereinrichtungen im Namen der UN in das System der „Großen Lösung“ u.a.).,
  • keine Kinder- und Jugendhilfe zweiter Klasse für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge/Migranten  junge Menschen in Flüchtlingsfamilien,
  • Festlegung eines Tariftreuegebotes in der Auftragsvergabe. Die mit Leistungsträgern zu vereinbarenden Kostensätze für stationäre Leistungen, für Fachleistungsstunden in der Erziehungshilfe und Zuwendungen/Zuschüsse für andere Maßnahmen müssen eine tarifliche Bezahlung vorschreiben.
  • Festigung des Fachkräftegebotes in allen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe, auch wenn diese an freie Träger vergeben werden - Qualifikationsniveaus und -vorgaben sowie entsprechende Betreuungsschlüssel/Belegungszahlen sind den Leistungsträgern bei Auftragsvergaben aufzugeben.
  • Die auf die jeweiligen Personalkosten zuzuordnenden Kosten sind gegenüber den Kommunen „spitz“ abzurechnen, so dass ein Wettbewerb über die niedrigsten Personalkosten vermieden wird.
  • Die Möglichkeiten zur Vernetzung der Hilfen sind zu verbessern, die Transparenz und die Zugänglichkeit der Leistungen der Jugendhilfe sind zu erhöhen, präventive Angebote sind außerhalb der Hilfen zur Erziehung im SGB VIII zu verankern und unabhängig von ihnen zu finanzieren.
  • Die fallsteuernden Jugendämter müssen in die Lage versetzt werden, die Qualität der Arbeit der Jugendhilfeträger zu evaluieren und die eigene Fallbearbeitung zu verbessern. Dazu gehört unbedingt ein Festschreiben der jeweils zu bearbeitenden Fallzahl.
  • Verhinderung von fachlicher Fremdbestimmung der Profession durch betriebswirtschaftliche und verwaltungstechnische Methoden der sogenannten Neuen Steuerung,
  • Beendigung der Unterstellung Sozialer Arbeit durch Controlling, fachfremdes Management und Kostenregime,
  • Erhaltung einer humanistisch orientierten Kinder- und Jugendhilfe.

 

Wie kann es weitergehen mit der Forderung nach einer sozialpädagogisch und ethisch orientierten Kinder- und Jugendhilfe?

Wir haben mit der Petition einen erneuten Anstoß gegeben. Wünschenswert wäre eine breite, aktive Bewegung zur Verteidigung der Kinder- und Jugendhilfe, die sich z.B. in regionalen Gruppen zusammenschließt und ihre Aktionen miteinander koordiniert. Wir rufen ähnlich agierende Foren auf, mit uns zusammen zu arbeiten.
Wir stellen unsere Webseite (www.buendnis-jugendhilfe.de) zur Sammlung aller Ideen und Vorstellung zur Verfügung um uns mit anderen zu vernetzen. Wir streben eine Vernetzung aller Interessierten an, damit unsere Kritik gehört und unsere politische Kraft wirksam werden kann.
Bitte schreibt eure Beiträge, Anregungen und Vorstellungen an info.buendnis-jugendhilfe@gmx.de .

Egal, ob in der konkreten Praxis tätig, in der Lehre oder im Ausbildungsprozess: Ihr seid die Expert*innen der Kinder- und Jugendhilfe und müsst das Heft für die zukünftige fachliche Ausrichtung unserer Arbeit selbst in die Hand nehmen.

Was wäre möglich?
Was könntet Ihr an Expertise, an Zeit, an Kontakten, an Ideen beitragen?

Wir sind gespannt!

Euer

Bündnis Kinder- und Jugendhilfe - für Professionalität und Parteilichkeit

 

 

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