Zur Debatte: Rechtsmediziner kontra Sozialarbeiter*innen im Kinderschutz

Michael Tsokos und Saskia Guddat, beide Rechtsmediziner an der Charité sind seit Ende Januar, nach ihrer Buchvorstellung "Deutschland misshandelt seine Kinder" pressewirksam in Großstädten unterwegs, im April auch in Bremen. Ihr Buch wrude in der Tat allerdings offenbar von einem Ghostwriter, Andreas Gößling, wie freimütig eingeräumt wird, recherchiert und verfasst.

Prof. Reinhart Wolff äußerte sich im Sept. 2014 zu der aus dem 19.Jh. stammenden "polizeilich-kriminalistischen Sicht" in diesem Beitrag "Berlin: Kinderschutz. David Gil zum 90. Geburtstag":

http://systemagazin.com/kinderschutz-david-gil-zum-90-geburtstag/

(Der Weserkurier vom 14.4.2014 hat mit einem Riesenartikel die Forderung nach mehr Kontrolle im Kinderschutz vorangetrieben. Am 15.4.2014 veröffentlichte das Bremer Jugendamt im WK in noch größerer Aufmachung eine darauf bezogene eigene Darstellung. Am 16.4. wurden in einem halbseitigen Artikel im WK "Die Kinderschützer von Bremen" in den Kliniken ausgemacht, in den dort eingerichteten "Kinderschutzgruppen".)

In unserem Bündnis haben sich Fachleute wie Marie Luise Conen warnend zu den teils sehr pauschalen Vorwürfen geäußert. Denn so einfach ist das im Interesse der von Gewalt betroffenen Kinder nicht, und eine maximale Kontrolle ist nicht die Lösung.

Die FAZ vom 3.2.2014 hat dazu den bisher differenziertesten Presse-Beitrag von Julia Schaaf unter dem Titel: "Jede Familie tickt anders" veröffentlicht, den wir zu Lesen empfehlen können. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/jugendaemter-jede-familie-tickt-anders-12780560.html

Der "Vater" des Kinder- und Jugendhilfegesetzes Prof. Dr. Dr. h. c. Reinhard Wiesner hat zu dem Thema auf einer Fachkonferenz ein gutes Einstiegsreferat gehalten, hier als video: https://www.youtube.com/watch?v=pAQd5KFQcfg

Hier der Leserbrief von Marie-Luise Conen auf den Artikel im Tagesspiegel (31.1.14) von Caroline Fetscher mit dem Titel: "Kindesmisshandlung in Deutschland - Milliarden zum Schutz der Täter?"

Sehr geehrte Frau Fletscher,
mit Interesse verfolge ich Ihr Engagement als Journalistin bei sozialen Fragen und bewundere es, dass Sie als eine der wenigen Journalisten sich mit Fragen der Jugendhilfe und des Kinderschutzes beschäftigen.

Ihr Artikel vom 31.1.14 ist mir Anlass Ihnen zu schreiben:
Ich frage mich, ob ich in einem Land leben möchte, dass so viel
Kontrolle und so viel Sicherheitsversprechen seinen Bürgern gibt, dass alle denken, dass dann ein Leben ohne Unglück, ohne Tod, ohne Mord und ohne Tötung von Kindern möglich sei. Vielleicht wird ja bald das Autofahren verboten, da jährlich 3500 Menschen durch Autounfälle zu Tode kommen?

In den letzten 20 Jahren ist die Zahl der toten Kinder gleich geblieben. Dies ist ein Wunder angesichts der starken Zunahme an Verelendung von Kindern in den Familien und zeugt von einer stetigen Verbesserung der Arbeit von Sozialpädaogen und Sozialarbeitern, die mit diesen Familien arbeiten.

Glaubt man wirklich, dass diesen ("Multiproblem"-)Familien, die am Rande der Gesellschaft stehen und am Rande ihrer Belastungsfähigkeit sind, hilft, indem die professionellen Helfer immer mehr beschäftigt werden mit der Kontrolle dieser Familien?

Glaubt man wirklich, dass diese Kinderschutzhysterie hilft, den Eltern zu einem besseren Umgang mit ihren Kindern?

Das Ausmaß an Kontrolle in den gesamten Hilfen zur Erziehung verhindert regelrecht, dass die wenigen Hilfen noch helfen können. Alle Beteiligten sind inzwischen mehr mit der Dokumentation "ihrer Arbeit" beschäftigt als mit den Familien selbst. Die Anzahl der Stunden pro Woche in den Familien liegt inzwischen bei 3-4 Stunden - und dies bei hochkomplexen und höchste Qualifikation erforderlichen Familiensystemen, will man dort etwas bewegen. Die Arbeitsbedingungen von ambulanten Helfern sind eine schlichte Katastrophe, von der Bezahlung angefangen bis zu den Rahmenbedingungen (u.a. keinerlei Bezahlung der Wegezeiten). Es ist daher nicht verwunderlich, wenn solche Arbeit wenig attraktiv ist und wer kann, dieses Arbeitsfeld verlässt.

In den Jugendämtern werden wir in Kürze nur noch sehr junge
Sozialarbeiterinnen haben, die bereits heute nach 1,5-2 Jahren das Handtuch werfen. Viele verlassen das Arbeitsfeld "Hilfen zur Erziehung", weil sie sich solchen Angriffen und dieser Kinderschutzhysterie, verbunden mit immer weiterem Ausbau von Kontrolle nicht mehr aussetzen wollen - obwohl und gerade weil sie gerne mit diesen Familien arbeiten.

Sie sehen die Potentiale der Familien, sehen welche Entwicklungsschritte Menschen leisten können, wieder aus ihren Krisen oder aus ihren eingefahrenen Mustern herauszukommen.

Sie kennen Konzepte und haben Ideen, was mit diesen Familien zu tun wäre, was möglich wäre -....

Aber sie sehen auch eine Gesellschaft, die diese Familien aufgegeben hat. Man beklagt sich halt nur darüber, dass es dabei den Kindern schlecht geht. In dieser Stadt geht es vielen Kindern schlecht, aber die Politiker sind nicht bereit, dafür zu sorgen, dass es diesen Kindern besser geht - außer Kontrolle fällt ihnen nichts ein.

Falls Sie daran interessiert sind, ich habe über 30 Jahre u.a.
Sozialpädagogen und Sozialarbieter fort- und weitergebildet. Ich habe Konzepte entwickelt, wie mit diesen sehr komplexen, oft schwierigen Familien gearbeitet werden kann. Ich habe in deren Umsetzung gezeigt, dass es möglich ist, mit diesen Familien so zu arbeiten, dass sich Wesentliches in ihrem Umgang miteinander verändert.

Ich habe mit weltweit berühmten Familientherapeuten ein Konzept zur Arbeit mit "unmotivierten Klienten" (die auch gerichtlich gezwungen werden) entwickelt und dennnoch sehe ich, dass man in dieser Stadt politisch nicht gewillt ist, diesen Familien mit einer Veränderungsfördernden Haltung - und entsprechender Ausstattung personell, finanziell und haltungsmäßig zu begegnen.

Diese Stadt hat seit langem diese "Multiproblemfamilien" aufgegeben!

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Marie-Luise Conen

Comments are closed.