Stellungnahme des Bündnis Kinder- und Jugendhilfe zur AGJF Sitzung in Kiel (März 2013)

Positionspapier des Bündnisses Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit an die Sitzung der AGJF am 7. und 8. März in Kiel

Das Bündnis Kinder- und Jugendhilfe begrüßt die Fortsetzung der Arbeit an den Überlegungen zur Umsetzung einer zukünftigen Kinder- und Jugendhilfe. Dabei möchten wir als Bündnis verschiedene folgende Positionen einbringen:

Wir sind der Ansicht, dass das SGB VIII/KJHG als ein ineinandergreifendes, aufeinander aufbauendes Konzept zu betrachten ist, dessen potentielle Möglichkeiten bislang nie ausgeschöpft wurden. Deshalb sehen wir in den Grundsäulen des Gesetzes keinerlei sinnvollen Veränderungsbedarf. Vielmehr müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, dieses Gesetz gerade unter den sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen duktusgetreu in die Praxis umsetzen zu können.

Darüber hinaus würde eine Initiative zur Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz viele Missverständnisse in den Ländern und vor Ort ausräumen helfen und insbesondere die Kinder- und Jugendhilfe in einem besser akzeptierten Rahmen agieren lassen.

Alle Aspekte, die fachlich in der JFMK/AGJF und den hinzugezogenen Institutionen diskutiert werden, sind im Gesetzeskanon bereits fest verankert und müssen endlich in vollem Umfang und konsequent umgesetzt werden.

So sind Prävention (§ 16), die Förderung der Partizipation der Zielgruppe (§§ 11 ff), die Hilfeformen bei akuten Problemlagen von Kindern und Jugendlichen (Hilfen zur Erziehung nach §§ 27 ff), Entwicklung, Bildung und Betreuung im Elementarbereich (§§ 22 ff) in einer sich ergänzenden Weise zu verstehen. Dabei soll die Gestaltung der Kinder- und Jugendhilfe sich an der Lebenswelt der jungen Menschen und ihrer Familien orientieren (§ 9). Das Gesetz richtet sich in diesem Gesamtgefüge immer am Entwicklungsstand des jungen Menschen aus. In diesem Sinne dürfen wir das bestehende SGB VIII/KJHG als ein Konzept betrachten, welches in hohem Maße den Ansprüchen der Inklusion gerecht wird.

Um es an der Praxis zu beschreiben:

Ein junger Mensch, der sich selbst und/oder mit seiner Familie in einer akuten Krise befindet, wird zunächst eine ihn und die Familie schützende und individuell orientierte Hilfe brauchen. Diese bieten die Hilfen zur Erziehung in enger Verzahnung mit den vorhandenen Unterstützungsmöglichkeiten in der die Familie umgebenden Lebenswelt. Dabei ist die Erziehungsberatung in besonderer Weise ein Baustein der Hilfen zur Erziehung, die per se eine niederschwellige primär- und sekundär präventive Arbeit leistet.

Demgegenüber treffen Fachkräfte aus den Bereichen Prävention, der Elementararbeit, der aufsuchenden Jugendarbeit junge Menschen in schwierigen bis bedrohlichen Lebenslagen an und begleiten sie und ihre Eltern in den Bereich der Hilfen zur Erziehung.

Alle Unterstützungsformen der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten nach der Maxime, so früh als möglich zu intervenieren, um die Entwicklung des Kindes und den Prozess der Verselbstständigung zu stärken. Das gilt für den Kindergarten, wie für das Gruppenangebot für Eltern in der Familienbildungsstätte, sowie für den Hilfeprozess im Zusammenspiel des Dreiecks von AdressatInnen, Jugendamt und der die Hilfe umsetzenden Einrichtung im Rahmen der Hilfe zur Erziehung, genauso wie für den jungen Erwachsenen, der der Nachsorge bedarf oder erstmals eine Hilfe nach dem SGB VIII in Anspruch nimmt.

Die ethischen Maxime des geltenden SGB VIII lauten:

Zum frühest möglichen Zeitpunkt soll die Kinder- und Jugendhilfe einen Beziehungsprozess fördern, der

Hilfe zur Selbsthilfe

Hilfe zur Selbstkontrolle

Partizipation

Dialog auf Augenhöhe zwischen AdressatInnen und dem Hilfesystem

und Nachhaltigkeit ermöglicht und sichert.

Dabei ist die partnerschaftliche Zusammenarbeit von Öffentlichem Träger mit den Trägern der freien Jugendhilfe (§ 4) und den Hilfen aus anderen Leistungsbereichen (§81), (Schule, Gesundheitswesen, Kultur und Justiz) bereits im Gesetz verankert.

Die Arbeit der akuten Hilfen geht aus der schützenden individuellen Begleitung in das unterstützende Umfeld (Schule, Angebote der Schulsozialarbeit, der Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes, der präventiven Angebote für junge Menschen und ihre Familien, z.B. Familienbildungsstätten). Die Sozialpädagogische Familienhilfe sei hier als klassisches Beispiel der Verzahnung von individueller Hilfe und dem Brückenbau in die Lebenswelt der Familie genannt.

Sozialräumliches Handeln muss in definierten Räumen stattfinden. Das Zusammenwirken der unterschiedlichen Institutionen geschieht bei Beachtung der unterschiedlichen methodischen Ansätze – die Kooperationen und mögliche Überleitungen brauchen dringend verstetigte, anerkannte Regeln, die die Akzeptanz aller Beteiligten benötigt und sichert. Die vielfältig vorfindbare Panik wegen der erwogenen/befürchteten Kindeswohlgefährdung muss auf ein vertretbares Risiko reduziert werden und braucht dafür Rückendeckung vorgesetzter Stellen. Die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe muss vor diesem Hintergrund stärker inkludierende Aspekte und gleichrangiges Handeln berücksichtigen!

Eine Bevorzugung bestimmter Bereiche, beispielsweise der Prävention vor den Hilfen zur Erziehung, wird dem inklusiven Verständnis des Gesetzes nicht gerecht. Im Gegenteil verursacht eine solche Herangehensweise Spaltungs- und Ausgrenzungsprozesse. Dies läuft dem Verständnis des SGB VIII als ein ineinander greifendes Gefüge zuwider und ist eine verdeckte Spielart der Exklusion. Diese Versuche zur Vorenthaltung von notwendigen und vermeintlich teureren Hilfen zur Erziehung, halten wir für rechtswidrig. Es ist eine von verschiedenen Varianten der Aushöhlung des Rechtsanspruches auf Hilfe zur Erziehung.

Um dem o.g. Verständnis der Kinder- und Jugendhilfe gerecht zu werden, erachten wir die Umsetzung und Sicherung qualitativer Elemente fachlicher Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe, wie im SGB VIII determiniert, für dringend geboten.

Eine nachhaltige Jugendhilfe, die sich an der Gestaltung vertrauensvoller Beziehungen und sicherer Bindungen orientiert, ist die Basis für den Weg des jungen Menschen in die Autonomie. Dafür braucht die Profession entsprechend stabile Arbeitsbedingungen und Arbeitsverträge. Diese müssen Kontinuität und Verlässlichkeit für die Fachkraft und den jungen Menschen mit seiner Familie gewährleisten. Eine angemessene Entlohnung für eine qualitativ hochwertige und verantwortliche Arbeit ist hierbei moralisch geboten. Leistung wird üblicherweise in unserer Gesellschaft hauptsächlich über Entlohnungssysteme ausgedrückt.

Die Hilfeinstitutionen müssen entsprechend der Bedarfe angemessen quantitativ und qualitativ ausgestattet sein. Dies muss insbesondere in der personellen Ausstattung der Jugendämter und der freien Träger berücksichtigt werden. Investitionen in eine an Nachhaltigkeit orientierte Kinder- und Jugendhilfe ist nicht nur ein fachliches, sondern ebenso ein wirtschaftliches Gebot. Die Kinder- und Jugendhilfe ist nicht der Verursacher der extrem hohen Steigerung der Bedarfe an Hilfen zur Erziehung und der damit verbundenen Kostenexplosion.

Nach der fundierten Analyse des 14. Kinder- und Jugendberichtes bedarf es nun einer politischen Antwort auf die Frage, wie bei absolut sinkenden Kinderzahlen auf einen derart extremen Anstieg der Hilfebedarfe in unserer Gesellschaft zu reagieren ist.

Die Lebensbedingungen einer zunehmend ökonomisierten und technokratisierten Gesellschaft hinterlassen mehr und mehr fragmentarische und die Bindung schwächende familiäre Lebensbedingungen.

Eine zunehmende unterschwellige bis offene Diskreditierung der Eltern und der sich immer weiter ausbreitende Generalverdacht eines kollektiven elterlichen Versagens, laufen dem Selbstverständnis der Kinder- und Jugendhilfe nach dem geltenden SGB VIII zuwider. Eine (auch medial unterfütterte) Kinderschutzdebatte, die in Teilen hysterische Züge trägt, kann gesamtgesellschaftlich weder für Kinder, noch für Eltern zu stabilen und stärkenden Erziehungsbedingungen beitragen. Nebenbei konterkariert diese auch das Bild der Jugendämter, in der Öffentlichkeit als ein kooperativer und vertrauenswürdiger Partner für Eltern wahrgenommen zu werden.

Ebenso muss eine Debatte über einen zunehmend unzureichenden Schutz der Kinder vor den Ansprüchen einer freien Wirtschaft an diese als Konsumenten geführt werden. Hier können die Folgen einer grenzenlosen und omnipotenten Konsumpräsenz in der Welt der Kinder nicht allein auf die Eltern abgewälzt werden.

Die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe muss als fachliche Expertise endlich an der jetzigen Diskussion um die Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe direkt und aktiv – und vor allem VOR einer etwaigen Beschlussfassung - beteiligt werden. Die Fachkräfte an der Basis erleben die Folgen des gesellschaftlichen Wandels und die fachlichen Auswirkungen von offenen und verdeckten Kürzungsmechanismen seit Jahren unmittelbar in ihrer Arbeit. Diese Perspektive aus unmittelbarer Praxis für die künftige Planung der Jugendhilfe unberücksichtigt zu lassen, halten wir für eine unverantwortliche Unterlassung.

Die häufig unzureichende finanzielle Ausstattung der Kommunen darf durch die jetzt bundesweit beschlossene Schuldenbremse nicht zusätzlich verschärft werden. Alle konzeptionellen Neuorganisationsüberlegungen müssen zugunsten eines „mehr an Demokratie“ das zivilrechtliche Anliegen der Sozialen Arbeit unterstützen und finanziell entgegenstehende Zumutungen abweisen.

Die gängigen Management-Praktiken verschleiern die Zumutungen für die betroffene Bevölkerung und die Praxis. Sie unterstützen Organisationsformen, die der Sozialen Arbeit unangemessen Stress für alle Beteiligten auferlegen. Diese Praktiken lehnen wir deshalb ab!

Matthias Heintz Kiel, 7. 03. 2013

(Bündnis Kinder- und Jugendhilfe - Für Professionalität und Parteilichkeit)

 
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