Redebeitrag Kundgebung Dresden

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
am vergangenen Donnerstag fand in Dresden zur Eröffnung der Sitzung der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugend- und Familienbehörden (AGJF) eine Kundgebung unseres Bündnis Kinder- und Jugendhilfe - für Professionalität und Parteilichkeit statt. VertreterInnen von den verschiedenen Gewerkschaften, vom Berufsverband DBSH, vom Forum Unabhängige Soziale Arbeit, dem AKS Sachsen, aber auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Jugendhilfe Sachsen und nicht zuletzt wir BündnisteilnehmerInnen nahmen an der Kundgebung teil.
Leider wurde uns strikt von Seiten der Polizei auf Wunsch der Leitung des Schloss Eckberg (Tagungsort in Dresden) der Zutritt zum Tagungsgelände verweigert. Nicht mal mir als Sprecher des Bündnis Kinder- und Jugendhilfe wurde der Zutritt gewährt, um eine Stellungnahme unsererseits zu überbringen. Auch ließ sich aus dem Gremium der AGJF heraus niemand dazu herab, mit uns das Gespräch zu suchen. Das spiegelt die Kommunikationskultur bzw. die politische Kultur wider, wie wir sie seit Monaten wahrnehmen. Der Dialog der Politiker von Länder- und kommunaler Ebene mit uns Fachkräften wird weitgehend gemieden. Nur unter größtem Druck konnte es uns Anfang Februar bisher einmal gelingen, mit einem Referenten aus Hamburg im Bündnis ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig wird uns von Seiten der Politik Stimmungsmache und ein unredlicher Umgang mit der Thematik vorgeworfen. Wenn wir jedoch nachfragen, was da hinter verschlossenen Türen beratschlagt und verabschiedet wird, folgt eisernes Schweigen. Dieser Verweigerungshaltung werden wir weiterhin mit Beharrlichkeit begegnen und nicht locker lassen, uns weiter einzumischen. Wer nicht kommuniziert, muss sich nicht wundern, wenn unsere Mutmaßungen, die allerdings auf guten Recherchen basieren, weiter geschürt werden. Die Zeiten, in denen wir uns haben bevormunden lassen, sind vorbei. Ohne die Fachlichkeit unseres Berufsstandes wird nicht mehr länger Politik hinter verschlossenen Türen über unsere Köpfe hinweg gestaltet.
Als Randbemerkung finde ich interessant, dass diese Damen und Herren Politiker über strukturelle Änderungen in der Kinder- und Jugendhilfe nachdenken, die einzig einer drastischen Kürzung der Finanzen zu Lasten unserer Arbeit gehen soll, sich dabei unter Rahmenbedingungen treffen, die uns exorbitant teuer erscheinen, wie zuletzt dieser ausgesprochen luxoriöse Tagungsort in Dresden. Dass sich diese noch nicht einmal hochrangigen Politiker mit Chauffeur in Nobelkarossen durch die Lande fahren lassen, wie wir dies bei den Mahnwachen immer wieder erleben, passt so gar nicht zu den finanziellen Kürzungsvorhaben, die unsere Volksvertreter sich für unser Arbeitsfeld auf die Fahnen geschrieben haben. Diese Luxusbedingungen werden schließlich aus Steuermitteln finanziert.
In Dresden trafen wir dann gegen Ende der Kundgebung noch auf einen anreisenden Teilnehmer der AGJF, der freundlicher Weise unser Flugblatt versehen mit entschlossenen Grüßen von uns KundgebungsteilnehmerInnen in den Arbeitskreis mitnahm.
Während der Kundgebung hielt ich als Sprecher des Bündnis Kinder- und Jugendhilfe eine Ansprache, die hier im Wortlaut nachzulesen ist:
"Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wir stehen hier heute ein für unsere Arbeitsplätze in der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch für die Menschen, Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern, die auf unsere fachlich qualifizierte Unterstützung setzen.
Seit Jahren wird von Seiten der Politik unsere fachliche Arbeit zunehmend disqualifiziert und fremdbestimmt. Betriebswirtschaftler, Verwaltungsfachwirte und Politiker von kommunaler Ebene, Länder- und Bundesebene nehmen immer weiter Einfluss auf unsere Arbeit. Sie unterziehen uns einem Spar- und Kontrolldiktat. Wir haben lange, viel zu lange geduldet und geschwiegen. Das hat jetzt ein Ende. Wir wehren uns, wir mischen uns ein!
Heute sitzen hier im Schloss Eckberg Mitglieder der Obersten Landesjugend- und Familienbehörden zusammen, die unter der Federführung des Stadtstaates Hamburg abschließend über die Umsteuerung der Kinder- und Jugendhilfe beraten. Dieses Konzept, das in Hamburg bereits umgesetzt wird, soll Ende Mai der nächsten Jugend- und Familienministerkonferenz als richtungweisendes Modell für die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland vorgelegt werden. Hinter Pseudoargumenten, die bestehenden ambulanten, wie stationären  Hilfen zur Erziehung  seien zu uneffektiv und deutlich zu teuer, sie arbeiteten nicht genügend sozialraumorientiert, verbirgt sich ein Einspar- und Kontrollprogramm, das die ohnehin chronisch geschwächten Grundlagen unserer Arbeit gänzlich ad absurdum führt. Nebenbei wird die Absicht verfolgt, die individuellen Rechtansprüche auf Hilfen zur Erziehung auszuhöhlen und zu einem Papiertiger verkommen zu lassen.
Das werden wir nicht zulassen. Wir mischen uns ein!
Wir werden nicht zulassen, dass die ethischen Grundlagen unserer Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe, die Gewährleistung von Teilhabe und Mitbestimmung, Hilfe zur Selbsthilfe, parteilicher Unterstützung für Menschen in schwierigen bis existentiellen Notlagen, Solidarität und verlässlicher Beziehungsarbeit zugunsten einer verwässerten Schnäppchenjugendhilfe aufgegeben werden.
Wir werden nicht länger zulassen, dass die seit 1998 beginnende Privatisierung der Kinder- und Jugendhilfe fortgeführt wird, die -der Logik des Marktes folgend- das Gewinnstreben und nicht den Menschen an erste Stelle setzt. Privatisierung ist eines der wesentlichen Elemente, welche die eben genannten Grundwerte unserer Arbeit substantiell zerstört. Exemplarisch möchte ich hier nur die zunehmend prekären Arbeitsverträge und Arbeitsbedingungen vieler Kolleginnen und Kollegen nennen.  Diese verhindern eine verlässliche und nachhaltige Beziehungsarbeit zu den Menschen, die auf unsere fachlich und menschlich qualifizierte Arbeit bauen. Diese mangelhaften Arbeitsbedingungen gefährden immer öfter aber auch die psychische und physische Gesundheit von uns Fachkräften. Die Gesetze des freien Marktes gehören nicht in die Soziale Arbeit!
Wir werden nicht zulassen, dass die Jugendarbeit bzw. Jugendsozialarbeit und die Hilfen zur Erziehung gegeneinander ausgespielt werden, wie dies im Rahmen des Hamburger Modells geschieht. Eine tragfähige Kinder- und Jugendhilfe braucht die verlässliche Kooperation aller ihrer Bereiche. Wir wehren uns gegen diesen primitiven Versuch der Hamburger Initiatoren, einen Keil in die Kinder- und Jugendhilfe zu treiben, um so ihre Ziele leichter umsetzen zu können.
Wir werden uns nicht länger die Lüge der Geldknappheit und der leeren Kassen anhören, diese Dauerparolen neoliberaler Strukturfunktionalisten und kommunaler Politiker, die damit nicht nur die Qualität unserer fachlichen Arbeit immer weiter aushöhlen, sondern die auf diesem Wege auch den Raubbau an öffentlichem Hab und Gut vorantreiben. Wir haben keine Geldnot, sondern ein gigantisches Umverteilungssystem finanzieller Ressourcen von unten nach oben.
Die Vermarktwirtschaftlichung  unserer Gesellschaft seit den 80er Jahren hat die Lebensbedingungen für Eltern, Kinder und Jugendliche zunehmend brüchiger und unsicherer gemacht. Kinder und Jugendliche werden heute rücksichtslos als Hauptkonsumenten eines freien Marktes missbraucht und ausgebeutet.
Andererseits werden immer mehr Familien durch die neoliberalen Arbeitsmarktmechanismen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen oder sind zumindest stark von Ausgrenzung bedroht. Diese Bedingungen führen bei stetig sinkenden Kinderzahlen zu immer größeren Problemlagen vieler Familien. Dies erklärt ganz wesentlich die steigenden Bedarfszahlen und die damit tatsächlich enorm steigenden Kosten in der Kinder- und Jugendhilfe. Diese Entwicklung hat die freie Marktwirtschaft ganz wesentlich zu verantworten. Es ist nur Recht und billig, wenn wir fordern, dass sie die Folgen dieser Negativentwicklung auch finanziert.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir vom Bündnis Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit möchten Euch Mut machen, diesen voranschreitenden Abbau der Qualität unserer Arbeit nicht länger zu dulden.
Die Kinder- und Jugendhilfe leistet seit vielen Jahren eine qualitativ hochwertige Arbeit. Sie hilft, unterstützt und begleitet Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg in eine selbstbewusste Autonomie. Sie ist darin aber auch Garant für gesellschaftliches Miteinander und leistet so einen fundamentalen Beitrag zum sozialen Frieden und zur demokratischen Kultur. All das steht seit geraumer Zeit mehr denn je auf dem Spiel. Wehrt Euch dagegen! Bleibt in Euren Arbeitskontexten nicht allein. Schließt Euch zusammen oder schließt Euch bereits bestehenden Bündnissen, Initiativen, Gewerkschaften oder Berufsverbänden an. Fordern wir die Politik heraus, sich endlich wieder für eine starke und nachhaltig wirksame Kinder- und Jugendhilfe einzusetzen. Es ist 5 vor 12! Wir wehren uns! Wir mischen uns ein!
Ich danke für die Aufmerksamkeit."
Dresden, 29.3.12,
Matthias Heintz, Sprecher des Bündnis Kinder- und Jugendhilfe

Comments are closed.