Ein bedrohliches Symptom in der Sozialen Arbeit

Eine selbst zerstörerische Diskussion – die Frage der Wirkung sozialpädagogischer Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe
Vor einigen Tagen war ich Gast in einem sozialpädagogisch-politischen Gremium in Berlin, um über unser Bündnis Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit zu berichten und über die gegebene Situation unseres Fachbereiches zu diskutieren.
In einer Runde von engagierten Fachleuten aus unserem Arbeitsfeld (der administrativen Ebene, der Träger- und Praxisebene) erlebte ich eine hitzige Diskussion, die ich als typisch und symptomatisch für unsere derzeitige paralysierte Lage in der Kinder- und Jugendhilfe betrachte. Es ging um Fragen der Wirkungsorientierung in unserer Arbeit, hier bezogen auf die Situation der Kinder- und Jugendhilfe und speziell der Hilfen zur Erziehung in Berlin.
 
Diese Diskussion hat bei mir, je länger sie ging, ein deutliches Unbehagen hervorgerufen, da ich diese Art der Gespräche schon so lange kenne. Was macht mein Unbehagen aus?
Selbstverständlich, also in des Wortes innerster Bedeutung, stellt die Reflexion über die „Wirkung" unseres fachlichen Handelns ein Teil unseres professionellen Handelns dar. Dafür haben wir seit Langem sozialpädagogische Kriterien, ein eigenes Instrumentarium, wie z.B. Supervision oder auch katamnestische Verfahren (siehe dazu auch Skizze der sozialpädagogischen Evaluation von E. Hansen, Gesamthochschule Kassel, 2011)
Aber so, wie die Diskussion in diesem Kreis geführt wurde, liegt meines Erachtens ein ganz wesentliches Element selbstdestruktiven Handelns unserer Profession der vergangenen Jahre oder auch ein Symptom der Okkupation unseres Fachbereiches durch Sozialtechnokraten der Betriebswirtschaft und des Verwaltungsfachwesens. Da wird von Kunden gesprochen, von Wirkungen, Wirkungsorientierung, der Notwendigkeit von Wirkungsstudien, von Effekten, Input-Output, Reliabilität, alles bezogen auf die Kosten-Nutzen-Frage im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Ja, es wurden diese Aspekte kritisch beleuchtet in dieser Runde, aber eben in der Sprache der Besatzer und immer in der Fixierung darauf, was das Gegenüber, die politisch-administrative Ebene von uns erwartet. Meinen Einwand, warum wir überhaupt Wirksamkeitsstudien brauchen, wurde nach einer Zeit des Schweigens mit „der Sicherung der Finanzierung und damit des Erhaltes unserer Arbeit" begründet. Diese Antwort führt mich direkt zu einem Kernproblem, welche die Paralyse unserer Profession in Teilen erklärt:
Wir haben uns bereits in den 90er Jahren von den Besatzern, den Ökonomen, Verwaltungsfachwirten und Strukturfunktionalisten in der beginnenden Neoliberalisierung unserer Gesellschaft nicht nur wie Vieh in einem Stall zusammenpferchen lassen. Nein, wir haben auch unsere Hirne okkupieren lassen und  haben in logischer Konsequenz die Sprache der so um Objektivität bemühten Sozialtechnokraten scheinbar mühelos übernommen.
Hier liegt für mich das Perfide dieses Bemühens eines Teils unseres Berufsstandes um eine kritische Positionierung gegenüber den „Erbsenzählern". Es ist eine scheinbare Positionierung. Sie führt bestenfalls dazu, sich vorzugaukeln, wir seien der wachsame und kritische Teil gegenüber diesem Paradigmenwechsel einer neoliberal orientierten Kinder- und Jugendhilfe, die 1998 durch die  Verankerung der Privatisierung  im KJHG juristisch legitimiert wurde. Vielleicht gibt es uns das erhabene Gefühl, kritischer zu zählen als die Anderen. Letztlich bleiben wir jedoch „Erbsenzähler". In totalitären Systemen (und an totalitären neoliberalen Entwicklungen in unserer Gesellschaft können wir nicht mehr vorbeischauen) können wir dieses Phänomen immer wieder beobachten: es gibt diejenigen, die versuchen, aus einer intellektuell kritischen Position systemkonform zu handeln. Damit bleiben sie aber Akteure dieses totalitären Systems und in gewisser Hinsicht Schlimmere, denn sie handeln wider besseres Wissens. Ethische Bedenken dienen dann nicht dem Ziel der Veränderung, sondern lediglich der Erleichterung des belasteten Gewissens.
Wir sprechen die Sprache der Besatzer, deshalb denken wir wie die Besatzer und … wie könnte es dann anders sein … handeln eben auch wie die Besatzer. Immer wieder kommt mir dieses so entlarvende Gedicht von Erich Fried in den Sinn:
Usurpation
Eine fleischfressende Pflanze
hatte sich überfressen
an einem ganzen Schwein
sie war nicht groß genug.
Ihre Blüten quiekten
ihr Stiel begann sich zu bauchen
die Wurzel ringelte sich
zuletzt lief sie grunzend davon.
Während meines Studiums in der zweiten Hälfte der 80er Jahren habe ich bereits die warnende Stimme meines damaligen Professors Henning Haft (Pädagogische Hochschule Kiel) vernommen, der uns Studierende eindringlich davor warnte, der damals bereits beginnenden Infiltration betriebswirtschaftlicher Termini zu erliegen, die uns dazu verlockten, die zugegebener Maßen manchmal schwer aushaltbare immanente Ungewissheit unseres Tuns messbar und damit dem Ungewissen handhabbar zu werden.
Mit dem Glauben an die Objektivierbarkeit unseres Handelns würden wir einen zentralen Kern unserer Profession, den verantwortungsvollen Umgang mit dem Nicht-Fassbaren unserer Beziehungsarbeit, aus der Hand geben. Ich glaube, genau das ist geschehen. Das ist m.E. ein Teil der Selbstkritik, der sich die Soziale Arbeit stellen muss, dass sie der Verführung zur vermeintlichen Objektivierbarkeit unserer Arbeit auf den Leim gegangen ist. Sie ist auf einen Zug aufgesprungen ist, der uns in die Diaspora geführt hat, in ein Land, in dem wir nur noch reagieren und uns aus einer bodenlosen Situation heraus permanent rechtfertigen.
In unserer fachlichen Heimat, der Sozialpädagogik, liegen ausgezeichnete Medien, derer wir uns bedienen können, um uns hochgradig verantwortlich mit den Konsequenzen unseres sozialpädagogischen Handelns auseinanderzusetzen. Diesen Nachweis redlicher Reflexion und Selbstreflexion nach innen, wie nach außen zu erbringen, muss zu unserem professionellen Selbstverständnis gehören und ist eine legitime Forderung der Menschen, die einen Anspruch auf unsere Unterstützung haben, wie derer, die den Rahmen unserer Profession finanzieren und politisch verantworten. Unsere Aufgabe ist es jedoch, diese Legitimation vom Boden unserer Fachlichkeit her zu gestalten. Dies setzt allerdings voraus, dass wir diesen Boden der Sozialpädagogik wieder be- und vertreten. Dann erst kommen wir heraus aus der Haltung der Reaktion und Rechtfertigung. Dann erst gestalten und vertreten wir unsere Arbeit wieder selbstbewusst. Zur Professionalität sozialpädagogischen Handelns gehört immer auch die Fähigkeit, politisch zu denken und zu handeln.
Matthias Heintz, 23.3.12

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