Erklärung des Bündnisses

Erklärung:
Der angeblich neue Reformansatz für eine sozialraumorientierte Jugendhilfe ist reine Augenwäscherei!
Hier wird weiterhin die Jugendhilfe bis zur Wirkungslosigkeit kaputtgespart.
Die Planungen und Vorstellungen der AG halten wir für fachlich inakzeptabel und für gefährlich:
Die Vorgabe, mit der Reform“ der Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit gerecht werden zu wollen, dient als Deckmäntelchen für den Versuch, die kostenintensiven Hilfe zur Erziehung in den Griff der Finanzverwaltung zu bekommen: sie besser kontrollieren und sie kürzen zu können. Hilfen zur Erziehung sollen möglichst nur noch in Ausnahmesituationen gewährt werden. Im Normalfall werden in Zukunft alle Klienten mit einem Erziehungshilfebedarf einfach an die
sozialräumlichen Einrichtungen im Stadtteil verwiesen. Dort sollen sie sich dann die passende Hilfe suchen.
Diesem Vorschlag liegt die naive Annahme zugrunde,
  • dass diese Einrichtungen den Problemlagen gewachsen seien,
  • dass sie sie sozusagen „eben mal“ mit übernehmen könnten ,
  • dass die konkreten, komplexen und individuellen Problemlagen von Familien und Minderjährigen, wie sie in den meisten Hilfen zur Erziehung zur Debatte stehen, genauso gut durch unspezifische Gruppenangebote und Beratungen mit Kommstruktur gelöst und behoben werden könnten.
 
Hilfen zur Erziehung sind aber keinesfalls durch sozialräumliche Verbesserungen zu ersetzen:
Individuelle konkrete Hilfen, die auf die besonderen Bedingungen, Motivationslagen, Kompetenzen und die jeweils notwendigen Lernprozesse von AdressatInnen abgestimmt sein müssen und als sozialpädagogische Hilfe Entwicklungen im Einzelfall ermöglichen sollen, sind durchaus nicht individualisierend. Dort, wo sich individuelle Notlagen verfestigt haben, wo mehr passieren muss, als infrastrukturelle Angebote zu unterbreiten oder durch das Sozialisationssystem Schule auf die Minderjährigen einzuwirken, dort müssen Hilfen einen individuellen Charakter annehmen. (Wobei die Schulen z.B. den familiären Hintergrund von Problemen – seien es Erziehungsdefizite, seien es Beziehungsprobleme oder Kommunikationsstörungen weder wirklich beeinflussen noch dort Hilfestellungen geben können.) Sie verschleiern nicht den Blick auf die gesellschaftlichen Ursachen der Problemlagen, sind nicht individualisierend, sondern als individuelle Hilfen sehr wohl Antworten auf die Folgen gesellschaftlicher Ursachen.
Tatsächlich befinden sich die Hilfen zur Erziehung heute in einem z.T. desolaten Zustand:Ihre Wirksamkeit ist fraglich, ihr Einsatz mitunter inflationär, ihre Qualität nicht selten unbefriedigend. Das aber hat Ursachen, die zur Kenntnis genommen werden und schlicht beseitigt werden müssen.
Wir brauchen nicht weniger Hilfen zur Erziehung, sondern endlich wieder solche, die unter Bedingungen stattfinden können, die ihre fachliche Wirksamkeit überhaupt erst möglich machen:
  • Sie brauchen hinreichende Zeitkontingente, hinreichende Kontinuität, hinreichende fachliche Qualität im Sinne von systemischer, sozialpädagogisch ausgewiesener Arbeit.
  • Das gegenwärtige Finanzierungssystem, der künstlich entfachte Konkurrenzkampf zwischen den Trägern, der Zwang zu unternehmerischem Denken in einem Bereich, wo es um Menschen und nicht um Industrieprodukte geht – all das hat in vielfältiger Weise den Hilfen zur Erziehung in Verlaufe der letzten 20 Jahre fachlich geschadet und immer weiter von dem Konzept entfernt, wie es das KJHG vorsah.
  • So ist z.B. die Sozialraumorientierung eines der wichtigen Prinzipien, die eine Hilfe zur Erziehung mitgestalten muss (das Konzept der SPFH sei dafür exemplarisch genannt). Dass das zurzeit kaum noch realisiert werden kann, liegt an oben genannten Faktoren, keineswegs an den Hilfen selber.
 
Wenn das vorgesehene Konzept wirklich flächendeckend umgesetzt werden wird, ergeben sich dramatische Entwicklungen und noch dramatischere Folgekosten bei den Familien und Minderjährigen, die auf diese Weise im Regen stehen gelassen werden.
Die steigenden Kosten in der Erziehungshilfe müssten nicht sein.
Der Meinung sind wir auch.
Sie haben vor allem drei Ursachen. An allen drei Ursachen muss Politik in Kooperation mit der Fachpraxis und Wissenschaft ansetzen, statt einfach die Hilfen zur Erziehung zurückzudrängen und zu diskriminieren.
  1. Die Zunahme der gesellschaftlichen Probleme (Armut, Perspektivlosigkeit, Unterschichtenschelte, Effizienz- und Flexibilisierungswahn in allen gesellschaftlichen Bereichen und kulturelle Krise) und damit die Zunahme von auffälligem Verhalten, von Desorientierung, von Gewaltbereitschaft, von Schulunlust, von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen, usw.
  2. Der ständige Anstieg der Folgekosten einer fachlich nicht angemessen geleiteten Hilfe zur Erziehung: Weil die Hilfen zur Erziehung durch einengende, beschneidende, fachlich nicht haltbare betriebswirtschaftliche Rahmenbedingungen entwertet, dequalifiziert und ihrer Wirkung beraubt worden sind, ist ihr Einsatz in vielen Fällen tatsächlich rausgeworfenes Geld.Aber ihr Einsatz unter den angemessenen, heißt an dem Prinzip der Nachhaltigkeit orientierten Rahmenbedingungen wäre auch und gerade aus volkswirtschaftlichen Gründen höchst effektiv und in gewissem Sinne als wirklich wirksame Hilfen auch effizient.
  3. Der Anstieg von Opportunitätskosten, die entstehen, weil aus Spargründen kurzatmige, oberflächliche Hilfen eingesetzt werden und z.B. eine SpFH einfach dazu missbraucht wird, die Kosten für eine Heimunterbringung hinauszuschieben.
 
Wir fordern im Sinne einer menschenwürdigen und volkswirtschaftlich verantwortlichen Kinder- und Jugendhilfe
Bekämpfung der eigentlichen gesellschaftlichen Ursachen des erhöhten Erziehungshilfebedarfs
  • Armutsbekämpfung,
  • Familienförderung wirklich der Unterschichtfamilien (und das geht nicht über die klassischen Mittelschichtansätze mit Komm-Struktur und verbal orientierten Methoden)
Schaffung von Bedingungen in ASD und in der Jugendhilfe, die es ermöglichen (wieder) fachlich zu arbeiten. Jugendhilfe darf nicht länger unter markt- und betriebswirtschaftlichen Prinzipien gestaltet werden. Marktwirtschaft und Jugendhilfe gehören nicht zusammen.
ASD und öffentlicher Träger
  • Bessere personelle Ausstattung des ASD, damit dieser sozialpädagogische und sozialräumliche Aufgaben qualifiziert wahrnehmen kann
  • Das fachliche Denken des ASD muss wieder ermöglicht werden, d.h. auch:fachliche Fragen stehen vor und über der Frage von Effizienz
Ambulante Erziehungshilfen:
  • Finanzierung der ambulanten Hilfen ist so zu gestalten, dass wieder kontinuierlich gearbeitet werden kann und dass Angebote der freien Träger wieder „ehrlich“ sein können. Die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und freien Trägern muss wieder gemäß dem Subsidiaritätsprinzips transparent, auf Augenhöhe und ohne verdeckte marktwirtschaftliche Konkurrenzspiele geschehen.
  • Zeitliche Spielräume wieder so gestalten, dass sinnvoll pädagogisch und sozialraumorientiert gearbeitet wird.
 
speziell zur SpFH
  • als fachlich hoch anspruchsvolles Konzept nur an entsprechend erfahrene und qualifizierte Fachkräfte vergeben und diese angemessen bezahlen (damit sind keine Therapeuten gemeint).
  • aus der reinen Krisenverhinderungsarbeit herausholen
  • Ganz sicher nicht: die Arbeit vor Ort einstellen!
 
Stationäre Erziehungshilfe
  • Stationäre Erziehungshilfe muss mit einer klaren fachlichen Indikation eingesetzt werden:
  • Sie ist dann notwendig und angebracht, wenn eine ambulante Hilfe nicht ausreicht. Hier darf nicht länger die stationäre Unterbringung mit Hilfe ambulanter Hilfen aus Kostengründen hinausgezögert werden.
  • Andererseits ist eine stationäre Hilfe dann nicht erforderlich und kann und sollte vermieden werden, wenn die Probleme mit einer angemessen ausgestatteten ambulanten Hilfe sehr wohl bewältigt werden könnten.
 
Angebote der Jugendhilfe in der Schule:
  • Sozialpädagogische Konzepte der SSA und keine Vereinnahmung durch die Schule; Kooperation sollte gleichgewichtig sein (auch schulische und sozialpädagogische Ziele)
  • SSA so personell ausstatten, dass sie ihre Arbeit auf den drei Zielgruppenebenen entfalten (gesamte Schulgemeinde, sozialpädagogische Gruppenarbeit, Fallarbeit) und kontinuierliche (verlässliche) Beziehungen herstellen kann.
  • SSA mit der Erziehungshilfe am Standort vernetzen und gemeinsame Übergänge schaffen
 
Sozialräumliche Angebote:
  • Wiederherstellung der zerstörten Stadtteilstrukturen für Kinder und Jugendliche
  • Hilfen zur Erziehung wieder so ausstatten und orientieren, dass sie sozialräumlich integrieren und Vernetzungsarbeit leisten können.
 
Verantw.: Bündnis für Kinder und Jugendhilfe
BÜNDNIS FÜR KINDER- UND JUGENDHILFE
Das Bündnis für Kinder und Jugendhilfe ist ein Zusammenschluss aller betroffenen Gewerkschaften, des Berufsverbandes der Sozialen Arbeit, von Interessen- und Fachverbänden, kritischen Arbeitsgruppen und vielen Einzelpersonen aus Praxis und Wissenschaft
Wir haben uns zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen die Pläne einer „Billigreformierung“ der Kinder- und Jugendhilfe anzugehen und die Bevölkerung über die wirklichen Absichten und die zu erwartenden Folgen dieser Pläne aufzuklären.
Berlin 12.1.2012

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