„Für einen seriösen Umgang mit den Hilfen zur Erziehung (HzE)“

LIGA der freien Wohlfahrtspflege in Berlin

Soziale Situation von Familien in Berlin
  1. Die Bekämpfung der Erziehungsarmut ist ein Schlüssel zur Verhinderung von gescheiterten Bildungsverläufen und dauerhaften Hartz-IV-Karrieren.
  2. Die Hilfen zur Erziehung sind die öffentlichen Sozialleistungen, die auf die Bearbeitung von familiären Erziehungsdefiziten ausgerichtet sind. Sie sind deshalb mit all ihren Formen eine sinnvolle Zukunftsinvestition im Gefüge gleichfalls notwendiger Maßnahmen zur schulischen und beruflichen Förderungen von benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Erfolge der Hilfen zur Erziehung erhöhen die Wirksamkeit in unseren Bildungssystemen.
  3. Zu den zentralen Ursachen, die zum Einsatz einer Hilfe zur Erziehung führen, gehören (drohende) Kinderschutzlagen und ein hoher Anteil konfliktträchtiger und unvollständiger Familienkonstellationen. Nach jüngsten Studien(1) ist die Wahrscheinlichkeit für eine Heimunterbringung für Kinder und Jugendliche - aus Stieffamilien 50 mal so hoch wie aus Familien mit beiden leiblichen Elternteilen - von Alleinerziehenden 16 mal so hoch - aus „Hartz-IV-Familien“ 12 mal so hoch wie das entsprechende Risiko von Minderjährigen aus erwerbstätigen, vollständigen Familien. Je höher die Zahl solcher Familienkonstellationen und Lebenslagen in einer Region ist, umso größer ist der erwartbare Bedarf an öffentlichen Erziehungshilfen. Diese hilfeauslösenden Familienkonstellationen und prekären Lebenslagen sind in Berlin überrepräsentiert.
Familienformen in Berlin
In Berlin leben 308 200 Familien mit insgesamt 496 088 Kindern unter 18 Jahren, davon 161 200 Ehepaare (52 %) mit 273 700 Kindern,98 800 Alleinerziehende (32%) mit 137 900 Kindern und 48 200 nichteheliche Lebensgemeinschaften (16%) mit 65 500 Kindern(2).
Der Bildungsbericht Berlin-Brandenburg 2010 weist hierzu u.a. für Berlin aus, dass,
  • ein Fünftel der mit Kindern in einem Haushalt lebenden Bezugspersonen nicht erwerbstätig ist (bundesweit trifft das auf ein Zehntel der Familien zu).
  • verglichen mit Deutschland insgesamt, dreimal so häufig beide Ehepartner kein eigenes Erwerbseinkommen haben (14%).
  • ca. 21% der Kinder von der Risikolage „Bildungsarmut der Eltern“ betroffen sind.
  • ein nicht unerheblicher Teil der Berliner Familien an oder unterhalb der Armutsgrenze lebt (insbesondere sind Kinder unter 18 Jahren von Alleinerziehenden betroffen).
  • 36% aller Kinder in Berlin von Armut betroffen sind und dabei das Armutsrisiko seit 2007 in Berlin um 6% zugenommen hat.
Diese Problemlagen denkt sich die sog. Hilfeindustrie nicht selbst aus. Sie reagiert konstruktiv auf schwierige Lebenskonstellationen und die Hilfen zur Erziehung leisten einen wichtigen Beitrag zum Miteinander in dieser Stadt und bieten Perspektiven für Kinder, Jugendliche, junge Volljährige und Familien.
Die Fakten anerkennend muss es darum gehen, für eine auskömmliche Finanzierung der Hilfen zur Erziehung zu sorgen. Das Procedere in den vergangenen Jahren hat immer wieder schon weit vor dem Jahresende für problematische Diskussionen und hektische Reaktionen in den Bezirken und auf Landesebene geführt.
Kostenentwicklung
  1. Die Kosten für öffentliche Erziehungshilfen sind dabei nicht aus dem Ruder gelaufen. In 2010 lagen die Ausgaben mit 408 Millionen EUR um 42 Millionen EUR unter dem Niveau von 2002. Wenn überhaupt, gibt es nur wenige Bereiche im Landeshaushalt, deren heutiges Volumen unter dem Niveau von vor 10 Jahren liegt. Mit Ausnahme der Krisenunterbringungen (+44%) sind die Ausgaben für stationäre Hilfen gegenüber 2009 um moderate 2 % gestiegen, die für ambulante Hilfen sind konstant. Von einem, in die politische Diskussion immer wieder eingebrachten ungesteuerten Anstieg der Kosten, kann keine Rede sein.
  2. Die Erziehungshilfen in Berlin sind wesentlich billiger als in fast allen anderen deutschen Großstädten. Dies belegen zwei Städtevergleiche aus den vergangenen Jahren. Während in Berlin eine Hilfe zur Erziehung pro Fall 12.576 EUR kostet, zahlen die am Kennzahlenvergleich der Universität Koblenz(3) teilnehmenden Großstädte im Schnitt 15.150 EUR pro Fall – rund 2600 EUR mehr. Ein Stadtstaatenvergleich vor fünf Jahren hatte schon für Berlin geringere Fallkosten gegenüber Hamburg und Bremen belegt. Der Schlussbericht des Senats benannte dazu u.a. als Ursachen den hohen Anteil ambulanter Hilfen und die Personal- und Tarifstruktur, die unter den Niveaus von Hamburg und Bremen liegt.
  3. Seit 2005 steigen die Fallzahlen wieder an und haben aktuell den Level von 2002 überschritten. Dies, verbunden mit der o.g. Kostenentwicklung, macht deutlich, in welchem Spannungsverhältnis heute in Berlin im Bereich der Hilfen zur Erziehung gearbeitet wird. Nimmt man dann noch die soziale Situation Berlins hinzu (s.o.) verbietet sich u.E. die fachliche und politische Behandlung der Hilfen zur Erziehung als Schmuddelkind.
Steuerung der HzE
  1. Die sozialpädagogischen ambulanten, teilstationären und stationären Hilfen versuchen seit Jahren durch die Weiterentwicklung ihrer Angebote und Leistungen Antworten auf den oben beschriebenen Befund zu geben. Dabei besteht in der Unterschiedlichkeit der Landschaft der Leistungsanbieter, die durch einen Kernbestand von ca. 250 Trägern aus dem Liga-Bereich geprägt wird, eine große Ressource, deren Zahl seit Jahren weitgehend konstant ist. Traditionsreiche Einrichtungen prägen die öffentliche Erziehung in Berlin seit fast 200 Jahren.
    1. Dort wo sinnvoll können auch Kooperationen zwischen professionellem Arbeiten und ehrenamtlichem Engagement insbesondere zur Stärkung regionaler Bezüge in den Blick genommen werden.
  2. Es sollte gemeinsam nach Lösungen gesucht werden, die präventive Angebote und Unterstützungsmaßnahmen im Sozialraum ebenso im Blick hat, wie die auf den Einzelfall zugeschnittenen Hilfen zur Erziehung. HzE und Sozialraumorientierung dürfen nicht in ein Rangverhältnis gesetzt oder gegeneinander ausgespielt werden.(4)
  3. Seit 2009 gibt es ein Fach- und Finanzcontrolling HzE mit Wirksamkeitserhebungen. Anstatt kurzatmig immer wieder neue Steuerungslogiken zu erfinden, sollten die neu eingeführten Instrumente ihren Nutzen erst einmal entfaltet können. Das eingerichtete Fach- und Finanzcontrolling HzE hat sich aus unserer Sicht bewährt und sollte unbedingt fortgesetzt und ausgeweitet werden. Wir sind der festen Überzeugung, dass man mit einer intensiveren zumindest in verschiedenen Arbeitspaketen zeitweisen Beteiligung der freien Wohlfahrtspflege konstruktiv gemeinsam zukünftige Angebote und Programme gestalten und über die Wirksamkeit der Hilfen zur Erziehung diskutieren kann.
Wirkungsgrenzen der Hilfen zur Erziehung
  1. Bei Ausschöpfung aller Verbesserungsmöglichkeiten der gegenwärtigen Steuerung verbleiben auch für Hilfen zur Erziehung Wirkungsgrenzen. So gehört es zum gesicherten Forschungsstand(5), dass sich familiäre Bedingungen für (schulische) Bildungserfolge als zweimal so groß erwiesen haben wie die Wirkungspotenziale qualitativ günstiger Leistungen von Kita und Grundschule. Das bedeutet, die Fähigkeit von jungen Menschen, auf den eigenen Füßen zu stehen, wird in erster Linie durch die Erziehungsleistung der Eltern bestimmt. Dies gilt für die fördernde Kraft einer guten Kindheit wie die beeinträchtigende Wirkung elterlicher Passivität.
  2. Die Wirksamkeit öffentlicher Bildungs- und Erziehungsanstrengungen wird durch die elterliche Mitwirkung beeinflusst, selbst dann noch, wenn die Kinder in Heimen leben.
  3. Wir halten trotzdem fest, dass die Anbieter der Hilfen zur Erziehung ihren Erziehungs- und Bildungsauftrag an- und ernst nehmen. Dies gilt sowohl für die Führungs- als auch für die Fachebene. Unser Interesse an einer seriösen Behandlung des Themas ist groß. Wir laden zu konstruktiven und in die Zukunft gerichteten Diskussionen ein.
Berlin, im November 2011
  1. Dr. Ulrich Bürger, KVJS Baden-Württemberg, in Forum Erziehungshilfe, Heft 5, 2010
  2. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2010
  3. Kennzahlenvergleich 2009 Erzieherische Hilfen im IKO-Netz Vergleichsring schnittenen Hilfen zur Erziehung. HzE und Sozialraumorientierung dürfen nicht in ein Rangverhältnis gesetzt oder gegeneinander ausgespielt werden.
  4. Siehe: Stellungnahme des SOS-Kinderdorf e.V. Deutschland vom 28.10.2011 zur Initiative „Wiedergewinnung kommunalpolitischer Handlungsfähigkeit zur Ausgestaltung von Jugendhilfeleistungen“
  5. u.a. Tietze zur Ausgleichbarkeit von familienbedingten Bildungsunterschieden

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